Stoffreste? Fashion.

Fünf Fragen … Melissa Ferreira, Upcycling-Designerin aus Kanada

©Martin Kriyzwinski

Stoffreste? Fashion.

[03|14] Mode aus Müll? Was bei der Produktion in der Textilindustrie „übrig“ bleibt (Pre-Consumer-Waste), oder aus den Kleiderschränken aussortiert in der Altkleidersammlung (Post-Consumer-Waste) landet, wird für mehr und mehr Designer eine Fundgrube für individuell gestaltete Mode. Kreativität, Mut und Ideenreichtum verhelfen ausrangierten Sweatern, Jeans und Pullovern zu neuem Glanz – Upcycling ist in aller Munde. Und das zu Recht, denn Fashion aus Resten ist nicht nur voll im Trend, sondern steuert der Wegwerf-Mentalität geschickt entgegen. Das kanadische Modelabel Adhesif Clothing Co. erzählt von den Geschichten hinter der Mode, für die die Designerin und Geschäftsführerin Melissa Ferreira Fashion mit Persönlichkeit entwirft. Jedes Stück ist ein besonderes Unikat. Wir haben sie für Magazin Restkultur nach den Geschichten hinter der Mode  gefragt – und um eine Frage gebeten, die sie von Magazin für Restkultur beantwortet haben möchte.
1. Wie bist Du auf die Idee gekommen, Mode aus Klamottenresten zu designen? | How did you get the idea for making fashion out of old clothes/clothing remnants?
Nach der Highschool habe ich als Vintage-Einkäuferin gearbeitet. Meine Aufgabe bestand darin, mich in großen Lagerhäusern durch tausende und abertausende von Bergen ausrangierter Kleider und Stoffe zu wühlen und diese zu sortieren. In dieser Zeit sind mir zahlreiche Stoffe und Kleidungsstücke begegnet, die in den Müll geworfen wurden, weil sie sich in einem Zustand befanden, der als nicht mehr „verkaufstüchtig“ galt. Ich entschloss mich dazu, einen Großteil der Materialien und Kleidungsstücke zu kaufen, um diese einem „Upcycling“ zu unterziehen. I started out working as a vintage clothing buyer right out of high school which means I was responsible for sorting through hundreds of pounds of discarded textiles in large warehouses that accumulate old clothing and second hand fabrics. During this time I witnessed a lot of materials/clothing being thrown into the garbage because of not being in sellable condition. I decided to buy a lot of these materials/clothing to repurpose into new up-cycled designs.
2. Wie lässt sich Deine Mode beschreiben? | How would you describe your fashion?
Ich kreiere saisonale Kollektionen für mein Mode-Label Adhesif Clothing. So kommt jedes Jahr eine Frühjahrs-Sommer- Kollektion und eine Herbst-Winter Kollektion auf den Markt. Meine Mode entwerfe ich komplett selbst, aber anstatt neuer Materialien kommen ausrangierte Stoffe und als „alt“ bezeichnete Kleidungsstücke zum Einsatz. Das bedeutet aber auch, dass jedes Stück ein Unikat ist und seine eigene Persönlichkeit hat. Ich finde es ganz besonders interessant, zu beobachten, wem welches Teil besonders gut gefällt und wie es schließlich wirkt, wenn es getragen wird. Meine Mode würde ich als „Street Chic“ mit einem persönlichen Statement bezeichnen. Derjenige, der sie trägt, kann einen ganz persönlichen Look daraus machen, je nachdem zu welchem Anlass, ob sportlich oder elegant – es kommt darauf an, wie die Stücke untereinander kombiniert werden und wer sie trägt. I create seasonal collections for Adhesif Clothing where a new spring-summer collection and a fall-winter collection that comes out every year. All of my designs are my own original conception but in place of new materials I use mainly vintage and reclaimed fabrics within the compositions. That means that every piece has its own personality. It’s always so interesting to see who is attracted to what piece when helping my clients find pieces to purchase. I refer to most of the pieces as street chic “statement pieces”. The wearer is able to create their own personal look whether it be semi formal or more relaxed depending on the occasion and how they combine the pieces with the overall look.
3. Was ist das Besondere an Fashion aus Resten – und: Ist auch eine Upcycling-Bewegung in Kanada erkennbar? | What is so special on up-cycled fashion – and: Is there also some Upcycling-Movement visible in Canada?
Upcyling-Mode ist gleich in zweifacher Hinsicht ein Gewinn für jeden. Jedes Kleidungsstück ist ein Unikat und gibt dem, der es trägt, die Gewissheit etwas besonderes zu sein. Das individuelle Tragegefühl ist wesentlich tiefgründiger. Upcycling hat außerdem dutzende positive Auswirkungen auf unsere Umwelt. Für einen halben Kilo Stoff lassen sich zum Beispiel knapp 260 Liter Wasser einsparen. Da die für meine Mode verwendeten Materialien nicht importiert werden müssen, sondern von mir vor Ort ausgewählt werden, lassen sich so zusätzlich die CO2-Emissionen senken. Durch Upcycling-Mode lässt sich außerdem die Menge an Müll deutlich reduzieren. Zu dem zweiten Teil Deiner Frage: Soweit ich erkennen kann, handelt es sich eher um eine globale Bewegung und ich kann nicht erkennen, warum Kanada eine Ausnahme sein sollte. Aber sowohl Vancouver als auch Berlin zeigen auf ihren jeweiligen fashion weeks auch Eco-Mode. One-of-a-kind fashion is a win-win for everyone. Every garment is completely original and it makes the wearer feel special because they have something no one else has. It’s like having something custom made but the objective is so much more than just skin deep! There are dozens of positive environmental impacts of up-cycling. For example, for every one pound of fabric that is recycled, 70 gallons of water is preserved. There are also reduced carbon emissions for not having to ship materials from another part of the world because second hand materials can be sourced locally. Up-cycled fashion is also helping to reduce unnecessary waste from landfills. To your second question: I don’t know of any particular directory for up-cycling but there should be! I see up-cycling as a global movement and not in just fashion but other practices. Both Vancouver & Berlin has an Eco fashion Week which showcases designers who are working with idea of sustainability. 
4. Ist die Nutzung von Resten für neue Entwürfe in der Mode, ein Konzept, das sich in Zukunft noch weiter durchsetzen wird? | Is the usage of recycled materials for new designs in fashion a concept that will become more and more popular in the fashion World?
Die Umwelt zu schützen ist längst ein globales Thema. Unserer Erde muss dadurch geholfen werden, dass wir Energie sparen und Müll reduzieren. Ich habe mit meinem Geschäft vor zehn Jahren begonnen und es ist so spannend zu beobachten, wie viele Firmen aus ganz unterschiedlichen Industrien mittlerweile grüne Initiativen in ihren Abläufen integriert haben. Solange der Umweltschutz ein Thema ist, wird das Thema Nachhaltigkeit weiter wachsen. Leider ist es nach wie vor so, dass der Großteil der Modeindustrie eine der stärksten Müll produzierenden Industrien überhaupt ist. Und ich denke, es wird noch sehr lange dauern, bis es auch hier gelingt, nachhaltig zu produzieren und zu arbeiten. Adhesif Clothing ist Teil der „slow fasion“-Bewegung. Wir legen Wert auf Qualität – nicht auf Quantität. Wir nehmen uns für jedes Kleidungsstück Zeit, gestalten es gut durchdacht und pflegen es im Sinne der Langlebigkeit – im Gegensatz zur schnelllebigen „Wegwerfmode“. Vor Kurzem habe ich außerdem eine Fundraising Kampagne für Adhesif Clothing gestartet, auf die ich gerne Aufmerksam machen möchte .  Wir wollen das Interesse von Menschen wecken, Unternehmen wie uns darin zu unterstützen, nachhaltige Arbeiten in der Praxis umzusetzen und der erste Schritt besteht darin, sie aufzuklären. Saving the environment is a global topic. The world needs our help with saving energy and reducing waste. I started this company 10 years ago and since then it has been very interesting to see how many companies, in a variety of industries, have been adding “green initiatives” onto their business infrastructures. As long as saving the environment is a topic, I can only see sustainability as a growing concern. Unfortunately the majority of the fast fashion industry is operating one of the most wasteful industries in the world and in my opinion it still has a long way to go to become more sustainable. Adhesif Clothing is part of the “slow fashion” movement meaning we value quality over quantity. We take the time to create pieces with thoughtfulness and care so there’s longevity in every garment making the items investment pieces versus disposable one time wear pieces.  I have recently started a fundraising campaign for Adhesif Clothing to bring more awareness to our process and the importance behind what we are doing. If people are really interested in supporting companies like ours in a fight for a more sustainable business practices, then the first step is education. Have a look at the link below for more info about the campaign and how you can show your support …  
5. Wo bekommst Du die Kleidungsreste her? | Where do you get your materials/remnants of fabrics and clothes?
Ich wähle jedes einzelne Material, das für meine Kreationen verwendet wird per Hand aus. Jede Woche verbringe ich Stunden in Second-Hand-Läden auf der Suche nach ausrangierten Kleidungsstücken und Stoffen. Das ist wirklich eine Vollzeit-Beschäftigung. Aber genau dieser Prozess ist notwendig, da es genau diese älteren Materialien sind, die jedem Stück zu einem ganz besonderen Design verhelfen – und das ist genau das, was den Menschen, die sie tragen wichtig ist. Es gibt mir ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich damit meinen Beitrag leiste, den Textilmüll zu reduzieren. I am personally responsible for hand sourcing all of the materials I use in the creation of my handmade garments. I go out on a weekly basis and spend countless hours in thrift stores looking for pieces of quality discarded fabrics.  This part of the process is very laborious and a full time job in itself but is a necessary procedure as it is the older fabrics that make my designs little art pieces that people cherish. It also makes me feel great to know I am doing my part to reduce textile waste.
Melissa Ferreira fragt Magazin für Restkultur:
Habt Ihr vom Magazin für Restkultur vor, ein Personen- und Unternehmensverzeichnis all jener zu erstellen, die ihr interviewt habt? | Will Magazin-Restkultur consider creating a directory of all of the companies and individuals it has interviewed?
Ein Verzeichnis im eigentlichen Sinne werden wir zwar nicht erstellen, aber die Seite selbst gibt ja einen hoffentlich guten Überblick darüber, welche Trends und Macher es gibt. Geplant ist allerdings auch, dass wir zukünftig eine Rubrik Namens „Fünf Fragen an …“ ins Leben rufen. We are not going to create a directory but the site will give hopefully a good overview about trends and people. More over this we will create a section called „Five questions to …“ 

+ Zur Person
MELISSA FERREIRA, Designerin
RSTKLTR_Melissa_Ferreira
  • Melissa Ferreira (32), Vancouver (Kanada)
  • Reste sind für sie: Alles was ausrangiert wurde und doch zu gebrauchen ist.
  • Foundraising Kampagne Adhesif Clothing: indiegogo.com
    ©Fotos: Martin Kriyzwinski (Denim Dress), Patryk Widejko (Weste mit Hölzerner Wand), Jennifer Picard (alle anderen) 
 

 

 

MS für magazin-restkultur.de | © Magazin für Restkultur 2014
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