Cradle to Cradle: Im Gespräch mit Michael Braungart

Ein freundlicher Tsunami

Bekannt ist, dass Arnold Schwarzenegger während seiner Zeit als kalifornischer Gouverneur ein großer Befürworter des C2C-Prinzips war. Wie schätzt Braungart vor dem Hintergrund der prominenten Unterstützung seine bisherigen Erfolge ein? „Unsere Devise lautete ja: Wie kann ich nützlich sein und nicht weniger schädlich? Für einen solchen Paradigmenwechsel braucht man in der Regel viele Jahrzehnte – ich bin überrascht, wie schnell es doch ging. Die IG Metall kommt auf uns zu und sagt: Wir müssen Cradle to Cradle machen – in den Niederlanden sind es die Arbeitgeberverbände. In Taiwan ist es die Regierung, Long Island macht auch mit. Cameron Diaz, Brad Pitt und andere Schauspieler machen Werbung dafür – ohne, dass wir sie wohlgemerkt dafür bezahlen. Und sogar Steven Spielberg plant eine Dokumentation darüber – das fühlt sich alles an, wie ein freundlicher Tsunami“. Ein negatives Beispiel sei allerdings Deutschland, wo mit vielen Problemen gehadert werde, obwohl wenn das Prinzip erst einmal verstanden sei, „alle mitmachen wollten“. Die einzige Herausforderung: „C2C ist zu langsam – die Zerstörung ist meist schneller“. Sein Appell: „Langfristige Ziele sind wichtige politische und wirtschaftliche Ziele. Zum Beispiel wäre viel damit getan, bis 2020 die Innenraumluft von Gebäuden nicht nur zu verbessern, sondern besser als die Aussenluft zu machen und die Kompostierbarkeit von Papier voranzubringen“.

Vielleicht sind die Erfolge so groß,  weil Michael Braungart darauf verzichtet, mit C2C einen mahnenden moralischen Finger in Richtung des ökologischen Fußabdrucks zu heben und sogar intelligente Verschwendung anmahnt? „Ja, die Moral ist ja dann sowieso immer weg, wenn man sie eigentlich braucht“, gibt er zu bedenken. „Es geht um Qualität – und um die Reste, die genutzt werden können und nicht um den ökologischen Fußabdruck. Wenn Sie auf der Erde sind, bedeutet jeder Schritt, den Sie tun, dass Sie den Boden zerstören – jeder Schritt bedeutet zwangsläufig Bodenerosion. Ich möchte aber den menschlichen Fußabdruck feiern und nicht jedem Kind sagen: Pass auf, wohin Du trittst! Haben Sie schon mal einen klimaneutralen Baum gesehen? Sie können als Mensch nur klimaneutral sein, wenn Sie nicht existieren! C2C wird von den Menschen her gedacht – es geht darum, wie etwas besser und gut sein kann – nicht weniger schädlich“.

Herr Professor Braungart – vielen Dank!

Die Frage an uns
Wann immer möglich, bitten wir in unseren Gesprächen auch um eine Frage an uns – und machen den Interviewten kurzerhand zum Interviewer. Was wollen unsere Gesprächspartner über Magazin für Restkultur erfahren? Vielleicht sind es ja die gleichen Dinge, die auch unsere Leser von uns gerne wissen möchten. Die bisher gestellten Fragen – und unsere Antworten – sind unter Fragen an uns zu finden.
Michael Braungart (Cradle to Cradle) fragt:
Beschäftigen Sie sich so viel mit Resten, weil Sie als Kind nicht im Topf rühren durften?
Lieber Herr Professor Braungart: Erst amüsiert und dann zunehmend irritiert habe ich mich mit Ihrer Frage auseinandergesetzt. Ob Ihre Annahme zutrifft, dass die Gründe für das Resteinteresse in der Kindheit liegen, vermag ich nicht wirklich zu sagen. Vielleicht ist dies aber eine Frage, die tatsächlich tiefenpsychologisch beantwortet werden müsste? Wir haben diese Frage aber gerne aufgegriffen und sie einem Fachmann auf diesem Gebiet weitergegeben:
Die Frage an den Psychotherapeuten Urban Leim Frübis

Vor einiger Zeit sprachen wir mit Michael Braungart über Cradle to Cradle. Wie bei unseren Gesprächen üblich, baten wir auch ihn darum, uns eine Frage zu stellen. Diese lautete: 

Beschäftigen Sie sich so viel mit Resten, weil Sie als Kind nicht im Topf rühren durften?“

Eine Antwort auf diese Frage mit einem gewissen psycho-analytischen Hintergrund sind wir damals schuldig geblieben, versprachen aber, einen Fachmann auf diesem Gebiet befragen zu wollen. Gesprochen haben wir daher mit dem Frankfurter Diplom-Psychologen Dr. Urban Leim-Frübis. Dieser ist allerdings der Meinung, dass weniger die Kindheit, sondern vor allem unser kulturelle Prägung die Ursache für die Beschäftigung mit Resten sei:

  • In unserer Kultur hat einen ganz entscheidenden Anteil daran, dass wir uns Resten annehmen, dass es einen Vorteil darstellt, sich Ressourcen zu verschaffen. Aber nicht nur ökonomische, sondern auch organisatorische Vorteile sind die Folge. Wenn man etwas auf Lager hat, muss man es nicht über möglicherweise komplizierte Wege erst besorgen. Hatte man früher noch Kleiderreste, konnte man Kleider flicken und so seinen Alltag gestalten. Für Bauern beispielsweise war es früher ein kleiner aber entscheidender Vorteil, die unterschiedlichsten Reste noch auf Lager zu haben.
  • Darüber hinaus gibt es aber auch eine moralische Komponente, wie man am Beispiel der sogenannten Mülltaucher deutlich sieht. Sie sehen es als eine Möglichkeit an, um damit ihren Protest gegenüber der Wegwerfgesellschaft auszudrücken.
  • Aber auch eine gewisse Art der Sammelleidenschaft kann dabei eine gewisse Rolle spielen. Hier wird deutlich: Es hat weder einen ökonomischen noch einen organisatorischen Vorteil, es bringt aber Spaß und bis zu einem gewissen Grad auch eine Befriedigung.
  • Weitergefasst könnte man aber auch über Zwangsverhaltensweisen nachdenken, wie es zum Beispiel bei Messies deutlich wird. Oft wird das in Zusammenhang mit Revierverhalten gebracht.

Auf Magazin für Restkultur übertragen, sehe ich weniger einen der oben genannten Gründe oder eine Kovarianz mit Kindheitserlebnissen, sondern eher den Spaßfaktor. Und: Wer Spaß hinterfragt, hat ihn ja schon verloren, oder? 

Im Gespräch mit …
Dipl. Psych. URBAN LEIM-FRÜBIS
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  • Dipl. Psych. Urban Leim-Frübis (Jhrg. 1958)
  • Niedergelassener Psychologischer Psychotherapeut, Frankfurt/M.
  • Reste sind für ihn: Für eine Überraschung gut
    ©Foto: Privat
 

 

Wir danken Herrn Leim-Frübis für die Erläuterungen – und Herrn Braungart für die interessante Frage.

Alle bislang gestellten Fragen sind unter Die Frage an uns zu finden.

»Im Gespräch mit Michael Braungart 04|2014«
 
ME für magazin-restkultur.de | © Magazin für Restkultur 2014

*Erhard Eppler, SPD: Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit (1968 bis 1974)
** EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency), Hamburg: Institut zur Entwicklung und Beratung von Unternehmen und Organisationen in Hinblick auf ökoeffektive Lösungen. 1987 von Prof. Dr. Michael Braungart gegründet.

TIPP #5 – das kannst Du tun: Reduce. Reuse. Recycle.
Zugegeben: Die Anzahl an Produkten, die nach dem Cradle to Cradle-Prinzip gefertigt werden, ist relativ überschaubar und noch ist außerdem nicht absehbar, ob sich das Konzept auch langfristig durchsetzen wird. Fakt ist aber auch, dass den Herstellern der meisten heute gefertigten Produkte ein valides Entsorgungskonzept fehlt. So oder so gilt: Reduce, reuse, recycle. Denn ein „weiter so“ ist hinsichtlich unseres Ressourcen-Verbrauchs nur bedingt bis gar nicht möglich. 

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