Die »Lücke« in Weimar: Pop-Up Rest-aurant mit Verfallsdatum

Aus Resten hergestellt und mit Verfallsdatum

RSTKLTR_DieLuecke_#8Das Rest-aurant Die Lücke (Weimar)
[8|14] 
 Treffen unsere Informationen zu, dann haben wir es mit einer Meldung von verschwindend geringem Aktualitätswert zu tun. Denn das Gebäude – oder um genauer zu sein das Konzept – um das es hier geht, wird in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören. Das aus Rest-Materialien gebaute Restaurant »Die Lücke« in der Weimarer Innenstadt soll schließlich nach kaum mehr als drei Monaten Betrieb wieder abgetragen werden. Wir hatten Gelegenheit, die Architekten und Hobbyköche Hannes Schmidt (oben links) und Philipp Bader einige Fragen rund um dieses Projekt zu stellen, das übrigens nicht nur in architektonischer Hinsicht besticht: Gekocht und eingekauft wird so, dass auch in der Küche so gut wie keine Reste entstehen.

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Das Grundgerüst der »Lücke«: Holz aus Abrissgebäuden

Magazin für Restkultur: Die »Lücke« ist im Rahmen eurer Architektur-Abschlussarbeit entstanden. Was war die Grundidee für das Projekt? Spielen Reste etwa eine Rolle in der aktuellen Architektur oder geht es eher um eine persönliche Nachhaltigkeits-Vorliebe von euch?  Hannes und Philip: In der Architektur hat man sich der Fragestellung der Nachhaltigkeit und somit auch des Bauens mit recycelten Materialien in den letzten Jahren verstärkt angenommen – in unseren Breiten jedoch eher in der Theorie als in der Praxis. In Länder der Dritten Welt werden Konzepte exportiert, in denen Gebäude aus vermeintlichem Müll gebaut werden. In Europa  hingegen setzt sich so etwas nicht durch, da wir im scheinbaren Überfluss leben. Wir würden uns die Nachhaltigkeits-Vorliebe aber nicht speziell auf unsere Fahne schreiben. Ein Umdenken in diese Richtung ist ja überall zu beobachten, auch wenn es meist durch andere Konzepte als durch die der Resteverwertung zum Ausdruck kommt.

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Aus LKW-Platten, Spanngurten, Europaletten: Die »Lücke«

mgzn-rstkltr:  Die Fenster eures Restaurants stammen aus abgerissenen Gebäuden und der Boden besteht aus gebrauchten LKW-Platten. Gibt es Dinge, die nicht aus Resten sind und was sind die skurrilsten Reststoffe, die eingesetzt wurden?  H/P: Die größte Materialmasse stellt natürlich das Holz dar, das vor allem aus Abrissgebäuden stammt. Des weiteren kamen unter anderem LKW-Planen, Spanngurte, Europaletten, ein altes Bierzelt und außerdem auch Sandsäcke zum Einsatz. Besonders interessant wird unsere Lampe im Außenbereich, wenn man bedenkt, dass durch diese früher Bier floss, da sie aus alten Bierleitungen hergestellt wurde. Heute kommt unser Bier ja aus Flaschen. Die einzigen Materialien, die wir neu gekauft haben, sind Klebeband und Schrauben.  

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»Im Grunde kann man jedes Gebäude in Lücke-Manier errichten«

mgzn-rstkltr:  Ihr und einige eurer Freunde habt rund zwei Monate an dem Gebäude gebaut. Was waren die größten Herausforderungen und ist diese Art zu bauen auch auf andere Gebäude übertragbar?   H/P: Am schwierigsten schien zu Anfang die Materialbeschaffung, da wir nicht sofort wussten, wo wir überall anfragen können. Mit zunehmender eigener Erfahrung und Tipps von Bekannten ging das dann jedoch ganz gut. Im Grunde kann man jede Art Gebäude in »Lücke«-Manier errichten, da es sich im Kern um eine herkömmliche Fachwerkkonstruktion handelt.

mgzn-rstkltr:  Gab es nicht auch zahlreiche bauliche und sicherheitstechnische Vorgaben? H/P: Sicherheitstechnisch muss man sich überhaupt keine Gedanken machen, da wir die ganz normalen Genehmigungsverfahren für Bauvorhaben durchlaufen mussten, die natürlich ein Brandschutzkonzept und einen statischen Nachweis beinhalten. Somit ist man in der »Lücke« so sicher wie in einem konventionellen Neubau. Natürlich war es zu Beginn auch nicht so einfach die Behörden von unserem Vorhaben zu überzeugen beziehungsweise klar zu machen, dass es uns damit ernst ist, und dass wir dieses Vorhaben auch auf diese Art durchziehen wollen. In der Gastronomie gibt es natürlich auch Hygienevorschriften, doch auch diese kann man durch die Nutzung von Resten einhalten, schließlich bekommt man zum Beispiel auch Edelstahloberflächen aus zweiter Hand.

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Architektonisch und kulinarisch: Ein Leckerbissen.
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Restevermeidung auch auf der Speisekarte

mgzn-rstkltr:  Restlos begeistert sind eure Besucher nicht nur von euren Kochkünsten, sondern auch davon, dass es keine Speisekarte im eigentlichen Sinne gibt. Auf den Teller kommt ja schließlich nur das, was die Küche gerade hergibt. Wie organisiert ihr die Einkäufe und legt ihr besonderen Wert darauf, dass ihr mit Lebensmitteln versorgt werdet, die sonst weggeschmissen werden würden?  H/P: In erster Linie achten wir darauf, dass wir Zutaten von regionalen Lieferanten beziehen. Unser Konzept ist hier eher darauf ausgerichtet, selbst keine Reste zu produzieren, indem wir keine feste Karte haben, sondern nur ein bis drei Gerichte gleichzeitig anbieten. Die Menge wird hierbei so kalkuliert, dass diese Gerichte im Laufe des Tages auch ausverkauft sind und wir nicht abends bei Schließung des Restaurants noch übriges Essen oder Zutaten haben, die dann weggeworfen werden müssten. Auch bei der Wahl der Speisen achten wir auf Restevermeidung. So kaufen wir zum Beispiel ein komplettes Lamm und nicht nur spezielle Stücke davon und verarbeiten es dann komplett.

mgzn-rstkltr:  Spätestens Ende des Sommers werdet ihr den Betrieb einstellen. Was sprach eigentlich dagegen, keine Lücke zu hinterlassen und was kommt danach?  H/P: Dies ergab sich aus zwei Faktoren: Zum einen liegt es am Grundstück selbst, da dort nach dem Abbau der Lücke Sanierungsmaßnahmen an den Angrenzenden Gebäuden anstehen und zum anderen sind wir keine ausgebildeten Gastronomen, sondern werden wieder in unseren Fachbereich, die Architektur wechseln.

»Am Schluss wird nichts auf den Müll wandern«.
»Am Schluss wird nichts auf den Müll wandern«.

mgzn-rstkltr:  Reste über Reste – was wird mit all den Dingen geschehen, die nach dem Abtragen des Gebäudes übrig bleiben?  H/P: Alle Balken sind geliehen und gehen an ihre Besitzer zurück, die Europaletten sind Pfandgüter und die Produkte, die für die Lücke entstanden sind (die Tafel, die Lampen, das Geschirr) werden verkauft. Für die Fenster findet man unter den Studenten in Weimar immer jemanden, der diese noch weiter benutzen wird, um sie in ein neues Projekt zu überführen. Im Grunde wird am Schluss nichts auf den Müll wandern. 

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Was bleiben wird: Eine Lücke

mgzn-rstkltr:  Was plant ihr als nächstes? Wird der Restbezug dabei wieder eine besondere Rolle spielen?  Hannes: Resturlaub! Philipp: Heiraten und 5 Kinder bekommen. (lacht) Ein festes Projekt in dieser Art ist momentan nicht geplant, aber man kann, sobald man sich einmal mit diesem Thema befasst hat, natürlich nicht sagen: „Das interessiert mich jetzt nicht mehr.“ Dieser Ansatz wird uns mit Sicherheit  auch weiterhin begleiten.

 

 

Die Frage an uns
Wann immer möglich, bitten wir in unseren Gesprächen auch um eine Frage an uns – und machen den Interviewten kurzerhand zum Interviewer. Was wollen unsere Gesprächspartner über Magazin für Restkultur erfahren? Vielleicht sind es ja die gleichen Dinge, die auch unsere Leser von uns gerne wissen möchten. Die bisher gestellten Fragen – und unsere Antworten – sind unter Fragen an uns zu finden.
Hannes und Philipp (Restaurant »Die Lücke«, Weimar) fragen:
Verwertet ihr bei Magazin für Restkultur auch Reste oder liegt euer Interesse nur bei der Dokumentation von Restvorgängen?
Nein, wir selbst verwerten keine Reste oder stellen wie auch immer geartete Dinge mit ihnen an. Tatsächlich interessiert es uns nur zu wissen, was mit übrig gebliebenem sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht angestellt werden kann und welche Probleme dies möglicherweise verursacht. Eine sehr interessante – und arbeitsintensive Beschäftigung!»Sie werden eine Lücke hinterlassen, 08|2014«
 

Wir danken Hannes und Philipp für die Antworten – und für die Frage!

 

Die Lücke
Wer in den besonderen Genuss der kulinarischen (und architektonischen) Höhepunkte in der »Lücke« gelangen möchte, muss sich beeilen. Bereits Ende August 2014 stellt das Restaurant nach knapp drei Monaten den Betrieb wieder ein.
Die »Lücke« 
Marienstraße 11
Weimar

© Fotos Elle Oswald/Philipp Specht mit freundlicher Genehmigung die »Lücke« 

ME für magazin-restkultur.de | © Magazin für Restkultur 2014

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