Buchkritik: »Selbst denken«? – Ja, was denn sonst?

Über Harald Welzers »Selbst denken« (2013)

Es irritiert zunächst, dass ausgerechnet ein Buch, das schon gleich im Titel zum »selbst denken« auffordert, die Bestsellerlisten monatelang angeführt hat. Lässt dies den Schluss zu, dass die lesende Mittel- und Oberschicht hierzulande noch Nachhilfe bei der Ausübung geistiger Verrichtungen nötig haben könnte? So besehen, hätte allein der Titel geradezu danach verlangt, dieses Werk zum verpönten Ladenhüter werden zu lassen. Selbst denken? Ja, was denn bitte sollen wir denn sonst tun? Wenn aber Harald Welzer in seiner »Anleitung zum Widerstand« – so der Untertitel – über Das Wunder des grünen Puddings spricht oder die Frage stellt, warum der Klimawandel eigentlich so toll ist, dann führt er wohl etwas ganz anderes im Schilde.

Der niedersächsische Soziologe (Jahrgang 1958) nimmt vielmehr die Rolle eines dialektisch brillanten und überaus humorvollen Grenadiers ein, der sich daran macht, den Wall der falschen Verheißungen der Moderne argumentativ-eloquent einzureißen. Mit beeindruckender Sicherheit feuert er hier mal eine Salve gegen die Versäumnisse der Ökobewegung ab und schlägt mal dort die treuen Anhänger der Wachstumsreligion in die Flucht. Hinter sich weiß er übrigens eine Gefolgschaft meist junger und gebildet-alternativer Denker – und um diese weiter argumentativ auszustatten, bedarf es sehr wohl eines solchen Buches. Sollten schließlich die Pfeiler unseres auf Wachstum ausgerichteten Denkens irgendwann in sich zusammenbrechen, müssen folgerichtig kluge Alternativen und Visionen her. Dass der Gründer der Plattform Futurzwei und des Studienfaches Transformationsdesign seinen Lesern dennoch einen Mangel an Selbstdenkvermögen attestiert, mag man dem Autor dann doch irgendwie nachsehen.

Welzer hilft ihnen nach diesem vermeintlichen Tiefschlag schließlich ja wieder freundlich auf die Beine, indem er eine zusammenhängende Vorstellung davon entwickelt, warum wir konsumkritisch gesehen da stehen, wo wir stehen – und welche alternativen Wege es sich zu denken lohnt. Oder aber: Der Leser lässt sich erschöpft in seine vermeintliche Lethargie und Konsumlust zurückfallen, die der Autor in Gesellschaftstypen unseres Zuschnittes ja ausmacht. Wobei – und soviel Realitätssinn sei erlaubt: Diese Leserschaft wird das Buch ohnehin nicht erreichen. Für alle anderen aber gilt: Unbedingt lesen, um dann vielleicht auch jene Nicht-Leser auf den Kapitalismus kritischen Pfad zu bringen, die noch immer nicht glauben wollen, dass eine für alle Menschen lebenswerte Zukunft nach tragfähigen Alternativen verlangt.

Ach, und für alle, die der Annahme sind, wir kommen mit unserer Buchbesprechung etwa zwei Jahre zu spät: Wir erinnern hiermit ja gerne daran, das Buch wieder aus den Schrank zu holen, oder – so wie wir es vor Kurzem auch getan haben – es anderen zur Verfügung zu stellen (Siehe auch unseren Artikel Ich brauche es nicht mehr – Du vielleicht?)

RSTKLTR_SelbstDenken

Harald Welzer
Selbst denken

Eine Anleitung zum Widerstand
Hardcover, ca. 300 Seiten
Fischer Verlag, 2013
Preis € (D) 19,99 | € (A) 20,60 | SFR 28,90
ISBN: 978-3-10-089435-9

 

 

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