Resteküche auf vier Rädern: »Die Wertschätzung von Lebensmitteln erhöhen«

Fünf Fragen an Daniel Anthes (Vorstand Shout Out Loud, Frankfurt)

Foto aus der Crowdfunding-Kampagne von Shout Out Loud: Die mobile Resteküche wird derweil grundüberholt.

»Überall wird klar, dass diese Verschwendung nicht nur sozial und ökologisch keinen Sinn macht, sondern eben auch ein finanzielles Minus-Geschäft ist.«

– Daniel Anthes (Shout Out Loud) im Gespräch mit Magazin für Restkultur –

 

Der Frankfurter Verein »Shout Out Loud« macht seit rund vier Jahren auf Lebensmittelverschwendung und Plastikmüll aufmerksam. Bei fast 60 vom Kollektiv veranstalteten Events in und um Frankfurt sind so bislang knapp 15.000 Kilogramm gerettete Lebensmittel genutzt worden*. Nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne rollt nun auch bald ihr »Foodtruck« auf die Straße. Wir haben einen der Ideengeber fünf Fragen rund um die mobile Resteküche und die Arbeit des Vereins gestellt.

*Quelle: Shout Out Loud

  1. Seit knapp vier Jahren ist der gemeinnützige Verein »Shout Out Loud« im Rhein-Main-Gebiet aktiv. Wie erklärst Du jemandem, der euch nicht kennt, eure Arbeit?
Wir haben uns der Förderung der lokalen Nachhaltigkeit verschrieben. Doch diese versuchen wir nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern ganz subtil über Spaß und Genuss im Rahmen von ganz unterschiedlichen Programmen und Events zu vermitteln. Denn letzten Endes gibt es leider immer noch viel zu oft so eine Art protestantische Einstellung, wonach Nachhaltigkeit schmerzen muss. Dass es hierbei aber eigentlich immer um ein Mehr an Lebensqualität geht, wissen noch lange nicht alle Menschen. 
  1. Ihr macht euch in Kürze mit einem sogenannten »Foodtruck« auf. Welche konkreten Ziele verfolgt ihr damit?
Das war ein logischer Schritt, nachdem unsere Events immer größer und wir dadurch auch immer ambitionierter geworden sind. Zuletzt haben wir mit unserem ersten eigenen Food Festival über 1.000 Leute erreicht! Deshalb dachten wir uns: warum nicht noch ein Level höher gehen? Die Idee vom Foodtruck war geboren. Und unsere erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne war dann auch der Beweis dafür, dass uns das zugetraut wird und dieses Engagement im neuen Gewand viel Potenzial birgt. So können wir noch mehr Menschen erreichen und vor allem eben auch jene, die uns nicht kennen und vielleicht mit diesem Thema noch so gar nicht in Berührung gekommen sind. Und das ist letztlich unser zentrales Ziel: Die Wertschätzung von Lebensmitteln in der gesellschaftlichen Mitte erhöhen. 
Integration geht durch den Magen: Kochevent von Shout Out Loud ©Foto: Shout Out Loud
  1. Trotz der vielen Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung bewegt sich die Vernichtung von Lebensmitteln auf einem unverändert hohen Niveau. So richtig zufrieden mit dem Erreichten könnt ihr doch auch nicht sein, oder?  
Nein, von einer zufriedenstellenden Lösung sind wir leider noch entfernt – schließlich gibt es uns ja auch noch! Dass sich aber mittlerweile im Vergleich zu von vor ein paar Jahren im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung Einiges getan hat, stimmt uns optimistisch. Seien es die unzähligen Initiativen, die mittlerweile auch oft Start-ups und Sozialunternehmen sind; die vielen Konzerne und Unternehmen und zunehmend auch die Politik – überall wird klar, dass diese Verschwendung nicht nur sozial und ökologisch gesehen keinen Sinn macht, sondern eben auch ein finanzielles Minus-Geschäft ist. Insofern ist es hoffentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Mehrheit das da draußen realisiert und entschieden dagegen vorgeht. Es lohnt sich einfach auf so vielen Ebenen! 
  1. Daniel, Du wirst für einen Tag zum König von Deutschland: Welche Dinge nimmst Du in die Hand, damit Lebensmittelverschwendung merklich und nachhaltig gesenkt wird?
Klar ist: Es gibt nicht diese eine Lösung. Es braucht einen Mix, der an allen Stellen der Wertschöpfungskette ansetzt, da überall Lebensmittel verschwendet werden. Damit meine ich letztlich Maßnahmen, die vom Erzeuger bis zum Verbraucher reichen, und sich beispielsweise von der Abschaffung von Vermarktungsnormen und dem Vertrieb von Wunderlingen (d.h. krummem Gemüse) über die Auflösung des MHDs und der Einführung von erhöhten Müllsteuern bis hin zu mehr Aufklärungsarbeit und der Förderung von Sozialunternehmen und gesellschaftlichen Initiativen reicht. Und wenn das zu komplex ist: Eine Riesen-Waste Watcher Party (ein Veranstaltungsformat von uns) mit einem Mehrgang-Sterne-Menü von Massimo Bottura und uns aus geretteten Lebensmitteln und tausenden von Gästen wäre auch schon ganz cool.  
Mitglieder von Shout Out Loud ©Foto: Shout Out Loud
  1. Zum Schluss: die dramatisch wirkenden Bilder plastikverseuchter Küsten scheinen »Wirkung« zu haben. Glaubst Du, dass vielleicht mit ähnlich schockierenden Aufnahmen auch auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht werden müsste?

Ich bin generell nicht Freund davon, mit alarmierenden bis apokalyptischen Bildern zu versuchen, Menschen zu überzeugen. Es braucht eine Kommunikation von Alternativen für ein nachhaltigeres Leben, die Spaß macht und die Leute auf positive Art emotional berührt; sonst sind wir schnell wieder in der Dystopie-geprägten Weltuntergangsecke, die nur durch schmerzhaften Verzicht und Askese verlassen werden kann. Und da sehen wir schließlich seit Jahrzehnten, dass diese Taktik nicht funktioniert. Nachhaltigkeit muss in erster Linie Spaß machen – sonst hat es einfach keinen Wert. 

Wir danken Daniel Anthes für die Antworten.

Zur Person

Shout Out Loud
Gegründet wurde der Frankfurter Verein 2014 von einer Handvoll Engagierten. Im Laufe der letzten Jahre hat Shout Out Loud nicht nur zahlreiche Nachhaltigkeitspreise** gewonnen, sondern auch viele neue Mitglieder. Darüber hinaus ist der Verein bei einer Vielzahl von Veranstaltungen im Rhein-Main-Gebiet anzutreffen sowie mit dem Integrationskonzept Integration geht durch den Magen aktiv.

Am 25. März 2018 stellt die Gruppe ihren Foodtruck in der Nähe der Europäischen Zentralbank am Osthafen Frankfurt einer größeren Öffentlichkeit vor. Weitere Informationen unter shoutoutloud.eu/

**unter anderem den Umweltpreis 2016 der Carl und Irene Scherrer Stiftung 2016 oder den Zu gut für die Tonne-Bundespreis Förderpreis 2017

Der Rest – in anderen Medien

24.10.18

»Was bringt ein Plastikverbot?«

Die FAZ zu dem geplanten Verbot diverser Plastikartikel in der EU.

24.10.18

»Mikroplastik im Darm nachgewiesen«

»Plastik in Gewässern und Böden wird zunehmend zum Problem. Forscher haben winzige Plastikpartikel nun auch in menschlichen Stuhlproben gefunden […]«

01.10.18

»Der Schatz für morgen«: Reste

Schwerpunktausgabe des Wirtschaftsmagazin »brand eins« rund um: Reste.

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