mgzn rstkltr: Bist Du selber schon mal getaucht, oder spielte es für Dich aufgrund Deiner persönlichen Lebensumstände oder Deiner politischen Haltung einfach keine Rolle?

Valentin Thurn: Als Familienvater, der ich inzwischen bin, ist es ein bißchen schwer regelmäßig des nachts in Hinterhöfen durch die Supermärkte zu ziehen. Aber als ich 18 war und mir während meines längeren Urlaubs in London das Geld im Sommerurlaub ausging, haben mein Freund und ich beschlossen, die letzten 9 Tage ohne Geld auszukommen. Und es war ganz erstaunlich, wieviel wir auf dem Borough Market gefunden haben, auf dem ganze Gemüsekisten weggeworfen wurden. Schon damals hat man sich nicht die Mühe gemacht, schadhaftes Obst auszusortieren und hat dann lieber die ganze Kiste weggeschmissen.

mgzn rstkltr: Stellen wir uns das richtig vor, dass es während der Dreharbeiten zu „Taste the Waste“ entsetzlich gestunken haben muss?

Valentin Thurn: Im Winter ging es eigentlich. Aber im Sommer fängt es dann an, unangenehm zu werden. Am schlimmsten war es auf einer Kompostierungsanlage – der Geruch von verrottenden Lebensmitteln, das ist der Gipfel. Das ist so ein Gestank, der einem wochenlang in der Wäsche hängt. Man lüftet und es geht einfach nicht weg.

 

mgzn rstkltr:  Was hat Dich am meisten schockiert während der Dreharbeiten? Was war das, was Du gerne lieber nicht gesehen haben wolltest?

Valentin Thurn: Was mich am meisten schockiert ist es, wenn die Bauern bis zu einem Drittel ihrer Ernte aussortieren müssen. Wunderbar leckere Lebensmittel – ich kann es nicht begreifen, dass sie einfach weggeschmissen werden. Die Initialzündung für den Film ist ja meine Wut darüber gewesen, als die Mülltaucher im Film von 2007 die Mülltonnen aufgemacht haben und intakte und nicht abgelaufene Lebensmittel zum Vorschein kamen.

Was mich am meisten schockiert ist es, wenn die Bauern bis zu einem Drittel ihrer Ernte aussortieren müssen.

mgzn rstkltr: Was muss jeder Einzelne tun?

Valentin Thurn: Als Einzelner hat man die Möglichkeit zielgerichtet einzukaufen, aber 60 bis 70 Prozent unserer Einkäufe sind Spontanentscheidungen, wie die Marktforschung uns zeigt. Das wird man wahrscheinlich nicht abstellen können. Es ist schlauer, das Lustprinzip umzulenken. Zum Beispiel: Ich frage mich nicht als erstes, worauf ich Lust habe, sondern schaue, was noch im Kühlschrank ist und koche daraus ein leckeres Abendessen. Beim normalen Kochen kann man ja die Kreativität walten lassen und einfach „freihand“ kochen, was meistens sehr lecker ist. Im Buch zum Film Taste the Waste haben wir viele Rezepte für „Essensretter“ drin, mit denen sich mit Resten wunderbar kochen lässt.

mgzn rstkltr: Ein Blick in die nächsten zehn bis zwanzig Jahre: Was wird sich geändert haben und was ist für eine Entwicklung abzusehen? Und kannst Du dir außerdem vorstellen, in zehn bis zwanzig Jahren auch wieder einen Film darüber zu drehen?

Valentin Thurn: Ich hoffe, dass die Menschen weniger Fleisch essen werden. Das ist die größte Verschwendung und tut ja auch unserer Gesundheit nicht gut. Ich hoffe, dass die Supermärkte erkennen, dass man die Verbraucher nur dann von mehr Qualität überzeugt, wenn man mit gutem Beispiel vorangeht und nicht soviel wegwirft. Und ich hoffe, dass die Politik den gigantischen Hebel erkennt, mit dem der Klimawandel gebremst werden kann, der viel leichter zu bedienen ist als der Kampf gegen Auto- oder Industrieabgase. Einen Film in 10 oder 20 Jahren zu drehen, macht ja durchaus Sinn. Wir haben uns ja nach schon nach zwei Jahren mit den „Essensrettern“ angeschaut, was passiert ist. Da wäre es hochinteressant zu sehen, was in 10 Jahren passiert sein wird. Und wenn ich es nicht mache, macht es ja bestimmt ein anderer! Jetzt beginnt ja mit der Sharing-Economy gerade eine Bewegung, die einen spielerischen Charakter hat. Die teils asketische Haltung der Umweltbewegung wird so mit Spaß verbunden und ich hoffe, dass sich hier etwas anbannt, was auch lange hält.

mgzn rstkltr: Zum Schluss – welche Frage hast Du vermisst, die wir hätten stellen sollen?

Valentin Thurn: Vermisst habe ich die Frage nach der ökologischen Pyramide. Also: Was ist am sinnvollsten, wenn wir eine Überproduktion von Lebensmitteln haben? Der Rest ist ja nur der dritte Teil in dieser Verwertungskette. Diesen Grundgedanken der Resteverwertung hat mir gefehlt. Reduce, Reuse, Recycle lautet das Motto. Der erste Schritt ist Reduce! Ich würde mir im Zusammenhang mit Eurem Magazin auch wünschen, dass Ihr dies beim Thema Lebensmittel betreffend kommuniziert und erkennt, dass es eine gewisse Abfolge gibt: Der erste Schritt ist der, dass die Lebensmittel wenn sie zuviel sind, anderen Menschen geben werden müssen, denn sie wurden mit einem hohen Energieaufwand erzeugt. Der zweite Schritt ist, dass wenn das nicht gelingt, man sie als Tierfutter verwenden sollte, was viel zu selten gemacht wird. Erst dann – als drittbestes – käme Recycling in Form von Biogas oder Kompost. Ganz schlecht ist die Verbrennung in der Müllverbrennungsanlage und noch schlechter ist die Müllkippe. Dort kommt es unter Luftabschluss zur Methanvergärung und weicht über Jahre sukzessive aus, was unmittelbar zum Treibhauseffekt beiträgt.

Valentin, wir bedanken uns für das Gespräch sowie dafür, dass du die Bücher/die DVD für unsere Mitmachaktion zur Verfügung gestellt hast 

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