Konsum- und Wachstumskritik: Im Gespräch mit Niko Paech

Ausführliches Interview mit dem streitbaren Ökonomen

In einem Interview  mit Magazin für Restkultur vertrat der Soziologe Harald Welzer die Auffassung, dass Kapitalismus im globalen Maßstab betrachtet, derzeit die richtig große Party feiere. Sehen Sie das ähnlich, Herr Paech?

Paech: Kapitalismus ist eine Zombiekategorie. Fragen Sie fünf Kapitalismuskritiker, was der Kapitalismus ist, dann bekommen Sie sechs Antworten. Am Ende ist es die Kultur einer global entgrenzten und industrialisierten Lebensform, die zu verändern wäre. Kapitalismuskritik lenkt vom eigentlichen Problem ab, nämlich einem anderen K-Wort: Konsumgesellschaft. Politische und institutionelle Reformen reichen nicht. Um das Wachstumsdogma zu überwinden, wären de-globalisierte und partiell de-industrialisierte Lebens- und Versorgungsformen unabdingbar, ebenso weniger Technikausstattung und Kulturtechniken der Selbstbegrenzung: Was kann sich ein Individuum an materiellen Freiheiten nehmen – Mobilität, Konsum und digitale Bequemlichkeit –, ohne ökologisch und folglich sozial über seine Verhältnisse zu leben? Diese Kernfrage wird von den populistischen Strömungen wie der marxistischen Systemkritik und dem „grünen“ Wachstum bzw. der ökologischen Modernisierung schlicht gemieden. Die von Ihnen genannte Party wird ein jähes Ende finden, wenn erste Ressourcenverknappungen die Kaufkraft der Partygänger schmälern. China ist schon jetzt nicht mehr in der Lage, das eigene Wirtschaftsmodell ohne tiefgreifende Plünderung des afrikanischen Kontinents zu sichern. Die Europäer wollen auch etwas abhaben, die Amerikaner ohnehin und so reift ein kalter Krieg heran, der die absehbare Knappheitseskalation nochmals verstärkt.

Nun ließe sich ja annehmen, dass sich Wachstumskritiker weltweit nur zusammenschließen müssten, um eine größere Wirksamkeit zu erzielen. Fehlt es daher nicht vielleicht an so etwas wie einer globalen Agenda und der Vernetzung der unterschiedlichsten internationalen Akteure?

RSTKLTR_Paech#7
»Ich kann nicht von mir behaupten, jemanden dazu zu bringen, etwas zu tun, was er nicht sowieso schon vorgehabt hat. Was ich bestenfalls liefern kann, ist eine wissenschaftliche Begleitmusik.«

Paech: Nein. Eine globale Vernetzung löst überhaupt keine Probleme. Alle bisherigen Versuche über globale Vernetzungen mehr Nachhaltigkeit in die Welt zu bringen, haben das genaue Gegenteil davon bewirkt. Der Austausch etwa mit immer mehr afrikanischen Gruppen und Delegationen führt nur zu einer Angleichung der Erwartungshorizonte – nämlich stets an das höchste Konsumniveau. Globales lernen ist eine Chimäre. Ein Analphabet kann einem anderen Analphabeten nicht das Lesen und Schreiben beibringen. Und ich kenne im Hinblick auf vorgelebte Beispiele keine heuchlerischeren Nachhaltigkeitsanalphabeten als die Europäer und Nordamerikaner. Ein Problem, das ich nicht mal vor der eigenen Haustür glaubwürdig löse, kann ich erst recht nicht in Afrika oder Asien lösen. Erst wenn wir Ansätze einer Postwachstumsökonomie irgendwo in übertragbarem Maßstab vorleben, besteht eine Basis, auf der die globale Vernetzung einen Sinn ergibt.

Ein Blick auf die Aufrufe Ihrer Vorträge beispielsweise auf Youtube  – und später sehr wahrscheinlich auch dieses Interviews – reicht, um festzustellen, dass Ihre Ideen wohl (noch) nicht mehrheitsfähig sind. Zeit, also den Gegner mit seinen Waffen zu schlagen und mit den Mitteln der Werbung auf Ihre Ideen aufmerksam zu machen?

Paech: (winkt energisch ab) Die Logik einer Werbekampagne befände sich im grotesken Widerspruch zu dem mir vorschwebenden Kulturmodell. Einstellungen, ein verändertes Bewusstsein oder ein Wertewandel verändern nichts. Der Kulturbegriff, an dem ich mich orientiere, ist ein praxeologischer, der das menschliche Handeln als Medium der Vermittlung in den Mittelpunkt stellt. Das heißt: Nur die materialisierte und glaubwürdig vorgelebte Daseinsform ist ein Kommunikationskanal, mit dem sich reduktive Kulturen verbreiten lassen. Und das geht nicht per Youtube oder dergleichen, sondern nur über kleine avantgardistische Gruppen vor Ort. Natürlich bin ich publizistisch tätig und flüchte nicht vor den Medien, aber ich überzeuge nicht – ich bestärke. Ich kann nicht von mir behaupten, jemanden dazu zu bringen, etwas zu tun, was er nicht sowieso schon vorgehabt hat. Was ich bestenfalls liefern kann, ist eine wissenschaftliche Begleitmusik.

Klimawandel, Ressourcenvergeudung, Peak everything – die Aufzählung ließe sich ja beliebig fortsetzten. Die Aussichten scheinen wenig rosig. Was stimmt Sie dennoch zuversichtlich?

RSTKLTR_Paech#10
»Die Gefahr, dass wir in Totalitarismus und Militarismus verfallen, wird potenziert, wenn wir so weiter machen wie bisher.«

Paech: Die Finanz-, Ressourcen-, Ökologie- und Sinnkrisen summieren sich zu einer Gemengelage auf, die eine Impulskraft entfaltet, weil sie reduktive Reaktionsmuster unausweichlich werden lässt. Dies zu kanalisieren ist eine Chance, die am ehesten gelingt, wenn schon jetzt gelebtes Erfahrungswissen hervorgebracht wird, das im Krisenfall für Orientierung sorgt. Der Rest ist Schicksal.

 

Drohen bei einem so tiefgreifenden sozialen und ökonomischen Wandel nicht unter Umständen Gefahren? Wie friedlich kann es dabei zugehen?

Paech: Ich kann nicht wirklich prognostizieren, wie friedlich es dabei zugehen könnte. Was ich aber sagen kann ist, dass die Gefahr, in Totalitarismus und Militarismus zu verfallen, potenziert wird, wenn wir so weiter machen wie bisher. Eine Gesellschaft, die gegen die Wand fährt, die komplett konsumabhängig ist und die nicht mal Nischen bewahrt oder hervorgebracht hat, in denen autonome und postwachstumstaugliche Daseinsformen den Konsumwahn überlebt haben, droht am ehesten, in Gewalt abzugleiten.

Wenn wir uns also zunehmend in die Katastrophe manövrieren – müsste nicht schon eine neue Ökonomen-Generation heranwachsen, die in Ihre Fussstapfen tritt? Und: Was sagen Ihre Studenten zu Ihren Ideen?

Paech: Man muss ja zunächst wissen, dass ich keine feste Stelle an der Universität Oldenburg habe. Jemand wie ich ist – ganz gleich über welche Kompetenzen er jenseits der Forschung zur Postwachstumsökonomie verfügt – ein Dissident des Wissenschaftssystems, aus dem er irgendwann aller Wahrscheinlichkeit nach herausgepöbelt wird. Unter den Studenten gibt es einigen Zuspruch zu wachstumskritischen Positionen, aber es gibt auch sehr viele kritische Stimmen. Dispute sind mein Programm. Es ist sehr erfrischend, wenn junge Menschen mit mir und meinen Ideen ins Gericht gehen. Aber mal ehrlich: Meine Kernkompetenzen in der Lehre liegen noch immer in den traditionellen Fächern, die ich hauptsächlich unterrichte.

Der Rest – in anderen Medien

29.03.19

»iFixit: AirPods 2 bleiben "Wegwerfartikel"«

»In Hinblick auf Reparierbarkeit hat sich bei Apples kabellosen Ohrhörern nichts verbessert, beklagt iFixit.«

23.03.19

»Benzin aus Plastikbechern«

»Aus Müll wie Trinkbechern wollen Austrian Airlines und eine österreichische Mineralölgesellschaft Rohöl gewinnen.«

21.02.19

Recycling-Medaillen

Über die japanische Initiave, aus Handys Edelmetalle für die Medaillen der Olympischen Spiele 2020 zu gewinen, spricht die »Kinderzeit«.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu



Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.