Design und Müll: »Vom Anfang und Ende eines Prozesses«

Gastbeitrag Susanne Ritzmann (Designerin)

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Im Müllseminar berichten die Studierenden von ihren Erfahrungen während der Müllabstinenz. Zudem zeigen sie die Reste, die trotz Müllfastens unvermeidlich waren. ©Foto: Susanne Ritzmann

Müllseminare
Eine Theorie zu haben ist gut. Sie löst jedoch erst mal keine Probleme. Aber sie kann sich als Lehrstoff in der Schule eignen. Ein Gedanke könnte sein, dass es angehende Designer schlauer macht, wenn ich theoretisch erkläre, was mit ihren Entwürfen an deren Lebensende passiert. Designtypisch ist dieser Ansatz nicht. Designer sind durch und durch Praktiker. Neben konkretem Faktenwissen beziehen sie ihre Professionalität aus Erfahrungen. Alles wird ausprobiert, erprobt und getestet. Leibhafte Erfahrungen sind gerade für angehende Designer von enormer Bedeutung.

Die Studenten durchlaufen ihren üblichen Tag, aber analysieren und dokumentieren dabei ihre Enthaltsamkeit dem Müll gegenüber.
Daher habe ich daran gearbeitet, ein Lehrformat zu entwickeln, welches den leibhaften Zugang zum Phänomen schafft und dabei gestalterische Kompetenzen schult. Genauer gesagt habe ich Techniken bzw. Methoden gesammelt und kreiert, die die Studierenden vor Aufgaben und Fragen stellt, die sie in einem angeleiteten Prozess selbst beantworten. Dabei gewinnen sie ein eindrückliches, aber individuelles Verständnis für das Phänomen Müll als Stellvertreter für eine ganze Reihe von menschgemachten Problemen. Als Beispiel beauftrage ich die Studierenden, einen Tag lang Müll zu fasten. Sie durchlaufen ihren üblichen Tag, aber analysieren und dokumentieren dabei ihre Enthaltsamkeit dem Müll gegenüber. In der ganz praktischen Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten des Alltags können dabei Ideen für Alternativen zu den herrschenden Konventionen entstehen. Diese Ideen können zu konkreten Entwürfen für Produkte führen, die in irgendeiner Form mit Müll umgehen. Besser finde ich aber noch, dass diese bewusste Erfahrung mit Müll und die daraus gewonnenen Einsichten den angehenden Designer auch in anderen professionellen und privaten Situationen beeinflussen werden.

Und was kommt dabei heraus?
Was genau einen Studierenden nachhaltig beeinflusst, das kann man nicht mit Gewissheit sagen. Aber auch ich habe leibhafte Erfahrungen gesammelt und gesehen, wie Designstudierende auf mein Angebot reagieren. Das Feedback der Studierenden und auch die entstanden Ergebnisse bestärken mich, weiterzumachen. Während der Müllseminare, die ich an Universitäten durchgeführt habe, deckten die Studierenden eine ganze Reihe von Forschungsfeldern im Bereich Alltag und Müll auf. Auch das bestärkt mich.

Nachdem man Kaugummi kauend an gelungenen Formulierungen gebastelt hat, verschließt man den Brief mit dem Kaugummi und prägt in die klebrige Masse seine Initialen mit dem Stempel. Ergebnis ist eine sehr persönlich versiegelte Nachricht.
Ein konkretes Beispiel soll nun abschließend die beschriebenen Ideen untermalen. In einem Kompaktseminar an einer Kunsthochschule führte ich mit einer Gruppe Produkt- und Modedesignstudierenden einen archäologischen Müllrundgang (vgl. «Garbologie») auf einem belebten Stadtplatz durch. Die Studierenden dokumentierten und untersuchten den herumliegenden Müll. Eine Gruppe interessierte sich dabei für Kaugummis, die ihnen nun überall auf dem Boden als schwarze Flecken auffielen. Über eine weitere adaptierte Designmethode («Letter to Grandma») erörterten sie den tiefer liegenden Sinn des Kaugummis. Der Widerspruch zwischen Entspannung (im Mund) und Ekel (auf dem Boden) erschien ihnen immens. Das Ausspucken gleicht dem Übergang von Systeminnen zu Systemaußen (Müll), trägt dabei aber weiterhin die Spuren des Systems (DNA). Und tatsächlich stellen Kaugummis ein kostenintensives Problem in der Straßenreinigung dar. Die klebrige Masse wird auf dem Boden über einige Stunden zum Superkleber. Daher kommt bei deren Beseitigung entweder harte Chemie oder mechanische Einzelbehandlung zum Einsatz.

Die Studierenden schlagen eine Umdeutung des Kaugummis vor: Sie haben ein Briefset entworfen, das aus einem Briefumschlag, Briefpapier, ein Kaugummi und einem Prägestempel besteht. Nachdem man Kaugummi kauend an gelungenen Formulierungen gebastelt hat, verschließt man den Brief mit dem Kaugummi und prägt in die klebrige Masse seine Initialen mit dem Stempel. Ergebnis ist eine sehr persönliche (DNA), versiegelte (Kleber) Nachricht. Kaugummis bekommen so eine andere Konnotation – sie einfach auf den Boden zu spucken, erscheint komisch.

Ich denke, dass man an diesem Beispiel erkennt, dass es in der Tat eine ganze Menge an alternativen Szenarien für unser menschliches Zusammenleben gibt. Diese Szenarien zu inventarisieren und damit zu ermöglichen, ist die Aufgabe der Designer. Und wenn sich diese Szenarien nun mehr und mehr mit dem Thema Rest auseinandersetzen, dann ist das sehr aussichtsreich für die Realität.

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Kaugummi kauen und Briefe schreiben – in diesem Studentenentwurf gehört beides zusammen. Der gekaute Kaugummi ist danach kein Müll. Er fungiert als Prägegrund für das Aufbringen der eigenen Initialen. ©Foto: Martin Klingner & Yomi Ajani

Zur Person

Wir danken Susanne Ritzmann für ihre Ausführungen.

Quellen: 1Burckhardt, L. (1985). Die Kinder fressen ihre Revolution. Wohnen – Planen – Bauen – Grünen. Hg. von Brock, Bazon, (S. 325) Köln: DuMont. | 2Thompson, M. (2003). Mülltheorie. Über die Schaffung und Vernichtung von Werten. Hg. von M. Fehr (S. 31), Essen: Klartext. Originalausgabe von 1979.

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