Zwischen Armut und Verschwendung: 20 Jahre Bundesverband Deutsche Tafel

20 Fakten rund um das zwanzigjährige Jubiläum des Bundesverbandes der Tafel

[11|15]  Heute vor genau 20 Jahren schlossen sich die damaligen 30 Tafel-Organisatoren zum Bundesverband Deutsche Tafel zusammen. Mittlerweile geben an mehr als 900 Ausgabestellen in ganz Deutschland um die 60.000 ehrenamtliche Helfer »überschüssige« Lebensmittel an »bedürftige« Menschen aus. Anlässlich des 20jährigen Bestehens des Bundesverbandes Deutscher Tafeln werfen wir – mit dessen Unterstützung – einen Blick auf 20 Fakten rund um die Arbeit der Tafeln und dieses Jahrestages. Verstanden wissen wollen wir diesen Beitrag aber nicht nur als Anerkennung für die Arbeit des Verbandes, sondern auch als kritischen Kommentar: nicht ausgeblendet werden darf ja schließlich, dass die Tafeln höchstenfalls die Symptome lindern – nicht aber die Armuts- und Verschwendungsursachen bekämpfen können.

#01 | VON 35 AUF 2.100
Die Zahl der Tafeln nimmt kontinuierlich zu: waren im Gründungsjahr des Bundesverbands Deutsche Tafeln noch 35 lose Tafel-Organisationen in Deutschland zu finden, sind es 20 Jahre später bereits 922 mit insgesamt 2.100 Ausgabestellen.
#02 | ANDERE ZEITEN, ANDERE ZIELGRUPPEN
Standen bei der Tafel anfänglich noch hauptsächlich Obdach- und Wohnungslose für Lebensmittel an, finden sich heute immer mehr Rentner, Familien, Kinder und Jugendliche, aber auch Flüchtlinge in den Warteschlangen.
#03 | TONNENWEISE LEBENSMITTEL
Auf knapp 195.000 Tonnen »überschüssiger« Lebensmittel beziffert der Bundesverband Deutsche Tafel die Menge an Lebensmitteln, die allein im Jahr 2014 über die bundesdeutschen Abgabetresen gingen. Dies entspricht knapp 19.000 Europaletten.
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Lebensmittelspenden
#04 | MEHR ALS 50 PROZENT
Der Anteil der Hartz IV-Empfänger, der die Tafel regelmäßig aufsucht, spricht für sich: mehr als die Hälfte der Tafelkunden ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. Einen sprunghaften Anstieg der Tafeln zwischen 2005 und 2006 von 480 auf 657 Tafeln führt der Bundesverband auf die zu dem Zeitpunkt in Kraft getretene Hartz IV-Gesetzgebung zurück.
#05 | MIT SECHS NULLEN
1,5 Millionen (= 1.500.000!) Menschen waren alleine im Jahr 2014 auf die durch die Tafel zur Verfügung gestellten Lebensmittel angewiesen.
#06 | 3,5 KG IM SCHNITT
Auf 3,5 Kilogramm beziffert der Verband die Menge an Lebensmitteln, die im Schnitt pro Person und Ausgabe bereitgestellt werden.
#07 | ESSEN, WAS ÜBRIG BLEIBT
Tafelbesucher erhalten in der Regel jene Lebensmittel, die in Supermärkten »übrig« bleiben. Meist handelt es sich um Ware vom Vortag (Brot/Obst/Gemüse) oder um Produkte, die kurz vor dem Ablaufdatum sind. Aber auch Lebensmittel, die beispielsweise aus dem Sortiment genommen werden und größere Spenden entsprechender Lebensmittelhändler sind an der Tafelausgabe zu finden.
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Sortieren der Lebensmittel
#08 | 120.000 HELFENDE HÄNDE
60.000 Menschen haben im Jahr 2014 die Arbeit der Tafel ehrenamtlich unterstützt. In verschiedenen Verwaltungsbereichen beschäftigt der Tafelverband eine nicht quantifizierte Anzahl von festangestellten Mitarbeitern.
#09 | MOTORISIERTE UNTERSTÜTZUNG
Um die Lebensmittel zu den entsprechenden Ausgabestellen zu befördern, verfügt der Bundesverband Deutsche Tafeln über 2.000 Fahrzeuge. Dazu kommen noch rund 1.600 private Autos und Transporter.
#10 | AUCH IN DER KRITIK
Die Tafeln erfreuen sich nicht nur Zuspruchs – auch Kritik wird gelegentlich laut. Insbesondere die vom Soziologen Stefan Selke im Jahr 2008 vorgebrachte kritische Auseinandersetzung mit den möglichen Fehlwirkungen der Tafeltätigkeit auf die Betroffenen und die Gesellschaft sorgte für einen großen medialen Widerhall. Im Kern bemängelt Selke, dass die Tafeln zwar versorgen, aber die Bedürftigen nicht zum eigenen Handeln ermutigten und den Staat aus der Verantwortung entlassen würden. Kritisiert wird mitunter außerdem, dass (je nach Tafel) die ausgegebenen Lebensmittel nicht den Koch- und/oder Essensgewohnheiten der Empfänger entsprächen.
#11 | DIE TAFEL FINDEN
Wer unter unseren Lesern auf die Hilfe der Tafeln angewiesen sein sollte, findet unter tafel.de eine Übersicht (nach PLZ/Ort gefiltert) der in seiner Nähe befindlichen Angebote. Noch nicht betroffen? In einer Artikelserie stellt die Bremervörder Zeitung Menschen vor, die Tafelbesucher wider Willen wurden.  
#12 | UNTERSCHIEDLICH GEREGELT
Wann, wo und wie die Lebensmittel ausgegeben werden, hängt stark von den regionalen Gegebenheiten ab. Sowohl hinsichtlich des Bedürftigkseitsnachweises als auch der Menge und Art der Lebensmittel sowie der Ausgabestätte bestehen lokale Unterschiede.
#13 | ERWEITERTES ANGEBOT
Wer Tafel sagt, meint nicht in jedem Fall die (meist) kostenlose Ausgabe von Lebensmitteln. An einigen Standorten werden neben der Lebensmittelausgabe oder Suppenküchen auch Kleiderkammern, Sprach- und Musikunterricht sowie Rechtsberatungen organisiert. 
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An der Ausgabe
#14 | 4,2 MILLIONEN
Im Geschäftsjahr 2014 sammelte der Bundesverband Deutsche Tafeln knapp 4,2 Millionen Euro Spenden. Neben einer Vielzahl privater Geldgeber tragen auch größere Beträge namhafter Großhandelskonzerne zu dem Spendenaufkommen bei. Bestritten werden davon der Transport und die Lagerung der Lebensmittel sowie festangestellte Mitarbeiter und Raummieten. Spenden? Dann tafel.de
#15 | KLEINE TAFELKUNDE
Die erste Foodbank wurde bereits 1963 in der amerikanischen Stadt Phoenix gegründet. Als eigentliches Vorbild für die Arbeit der deutschen Tafeln gilt die New Yorker City Harvest-Bewegung. Dass die Probleme Armut und Lebensmittelverschwendung nicht nur hierzulande bestehen, zeigen beispielsweise Tischlein deck dich (Schweiz), die Restaurants des Herzens (Frankreich) oder die spanische Fundació Banc dels Aliments, die für Millionen Menschen in Europa Lebensmittelausgaben organisieren. 
#16 | AM ANFANG WAR BERLIN
Die erste Tafel Deutschlands nahm im Jahr 1993 ihre Tätigkeit auf. Organisiert wurde sie von der Sozialpädagogin Sabine Werth und dem Verein »Berliner Frauen e. V.«. Als vorerst letzte, und damit 922ste Tafel, ist die Tafel Laucha in Sachsen-Anhalt in den Verband eingetreten.
#17 | HALBE HALBE
Knapp die Hälfte der bundesweiten Tafeln organisiert sich über kirchliche oder andere soziale Träger.
#18 | LEBENSMITTELSPENDER
Der Verband macht keine genauen Angaben dazu, wie viele Lebensmittelmärkte in Deutschland insgesamt die Arbeit der Tafeln unterstützen. Zu den regelmäßigen Spendern gehören nach Angaben der Tafel aber mehrere Großhandelskonzerne und Lebensmittelketten.
#19 | IN EIGENER SACHE
Im November 2014 haben auch wir uns mit freundlicher Unterstützung der Tafel Frankfurt für die Lebensmittelausgabe angestellt. Zu lesen sind unsere Eindrücke unter Tafel Frankfurt im Selbstversuch.
#20 | UND NU?
Es ist anzunehmen, dass beim nächsten Jubiläum die Anzahl der Tafeln weiterhin angestiegen sein wird. Deutlich macht die Entwicklung dann nicht nur, dass die Armutsbekämpfung hierzulande keine Fort-, sondern Rückschritte macht – und dass der horrenden Lebensmittelverschwendung offenkundig gar nicht oder nur schwer beizukommen ist.
Tafelkundin ©Foto:Bundesverband Deutsche Tafel e.V.
Tafelkundin

Wir danken Stefanie Bresgott von der Berliner Geschäftsstelle der Tafeln für die geduldigen Auskünfte.

 

©Alle Fotos: Bundesverband Deutsche Tafel e.V./Dagmar Schwelle (außer Bild ganz unten)

ME für magazin-restkultur.de | © Magazin für Restkultur 2015

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