Containern im Selbstversuch

Joe bei der Arbeit
Die Ausbeute eines Abends: Lebensmittel aus Supermarktmülltonnen
Die Ausbeute eines Abends: Lebensmittel aus Supermarktmülltonnen
[08|14]  „Und, wie fandest Du es?“, fragt mich Joe*, als wir uns gegen Mitternacht daran machen, Bilanz zu ziehen. Knapp fünf Stunden haben wir zusammen Hinterhöfe und Abfalltonnen nach noch verwertbaren und essbaren Lebensmitteln durchstreift – sprich: Wir haben containert. Eine Antwort auf seine Frage zu geben, fällt mir im Moment jedoch noch schwer. Klar ist jedenfalls, dass sich meine bisherigen Vorstellungen darüber, wie es sein muss, im Müll nach Essen zu tauchen, grundlegend gewandelt haben. Und dass ich schon jetzt weiß, dass es mir – Magazin für Restkultur hin oder her – schwer fallen wird, ins Schwärmen darüber zu geraten.
Zu gut für die Tonne? Ja!
Zu gut für die Tonne? Ja!

Das Auge isst mit
Irgendwo in der Einkaufszone einer größeren deutschen Stadt. Joe und ich haben uns zum Mülltauchen verabredet. Die erste Station, die wir anlaufen, ist ein Bio-Supermarkt. Doch wir kommen zu spät und die Tore sind bereits unüberwindbar verschlossen. Der Einzelhandel tut so einiges, um Lebensmittelsuchenden den Zugang zu erschweren, so mein Begleiter. Kurze Zeit später im unverschlossenen Hinterhof eines mittelgroßen Supermarktes öffnen wir dann unsere erste Mülltonne an diesem Abend. „Das Auge isst mit“, geht mir augenblicklich durch den Kopf – und es verschlägt mir den Appetit: Auf dem Grund des Containers sind neben halbwegs gut erhaltenen Radieschen und Karotten auch um die zehn Joghurts sowie acht Päckchen geräucherte Makrele zu sehen. Vom Mülltonneninnern geht ein zwar nur leichter, aber dennoch penetranter Geruch aus. Ich werde mich daran gewöhnen müssen – nicht anders wird es mir an den circa zehn anderen folgenden Mülltonnen an diesem Abend ergehen. „Im Winter ist es deutlich besser“, sagt Joe und ergänzt: „Nur im Sommer, wenn die Lebensmittel schnell verderben, ist es manchmal schlimm.“

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Frisches Brot zwischen Kaffeeresten und Putzmittel

Zwei- bis dreimal die Woche
Joe containert schon seit circa einem Jahr regelmäßig und sieht darin hauptsächlich eine Protesthaltung gegenüber der vorherrschenden Verschwendungssucht, die unsere Gesellschaft mehr denn je auszeichne. Der Aktivist setzt sich aber auch als Lebensmittelretter bei Foodsharing ein. Für seine zwei- bis dreimal in der Woche stattfindenden Einsätze trägt er stets eine Lampe mit sich, mit der der bekennende Veganer, bevorzugt Mülltonnen von Bio-Lebensmittelläden ausleuchtet. Zum Equipment gehört außerdem ein Paar Küchenhandschuhe, um sich durch die zum Teil verdorbenen Obst- und Gemüseberge zu arbeiten. Dabei geht Joe nicht nur äußerst akribisch vor, sondern achtet mit Rücksicht auf andere Mülltaucher darauf, keine Verwüstungen zu hinterlassen und essbare Lebensmittel, die er selber nicht braucht, in Reichweite für den nächsten Suchenden zu lassen. Wie viele andere Container-Aktivisten oder aber auch Bedürftige außer ihm noch sonst so unterwegs sind, kann er nicht genau sagen, aber man kennt und respektiert sich. Einen zusätzlichen Reiz des Mülltauchens sieht Joe außerdem darin, dass es ein bisschen wie Schatzsuchen sei. „Manchmal kann man schöne Überraschungen machen und Nüsse, Müsli, Mangos und ähnliches finden“, sagt er und lacht.

Joe bei der Arbeit
Joe bei der Arbeit

Immer das gleiche Bild
Wir machen uns auf zum nächsten Supermarkt. Joe weiß mittlerweile ziemlich gut, wo es sich zu suchen lohnt, sagt er – nicht alle Supermärkte schmeißen in gleichem Maße weg. Zum Teil wohl auch deshalb, weil sie neuerdings auch mit Foodsharing kooperieren. Bei anderen Supermärkten oder Bäckereiniederlassungen hingegen gibt es so einiges zu finden. Inmitten der Fußgängerzone zum Beispiel öffnen wir die Mülltonne einer mittelgroßen Bäckerei und finden darin um die zehn frische Brotlaibe, die noch am Abend wegschmissen worden sein müssen. Vielleicht um die Kosten niedrig zu halten oder aber auch aus Unwissenheit finden sich darin Kaffeesatzreste sowie Reinigungsmittel und anderer Müll. „Muss das sein?“, frage ich mich laut und erhalte von Joe nur ein bedauerndes Schulterzucken als Antwort. Ein ähnliches Bild bietet sich uns im Hinterhof eines Bioladens, in den wir nur mit einiger Mühe gelangen: In der Biotonne mischt sich verdorbenes Obst und Gemüse mit offenkundig bestens erhaltenem Broccoli, Möhren oder Äpfeln. Nebenan in der Tonne: Um die 10 Packungen mit Brötchen und Gepäck, die völlig unversehrt aussehen. Immer mit dabei ist allerdings der Geruch nach Verderb und Abfall.

Verdorbenes und frisches Obst und Gemüse
Verdorbenes mit frischem Obst und Gemüse

Was tun?
Vielleicht müsste ich Joe ein weiteres Mal bitten, ihn zu begleiten oder einfach mal auf eigene Faust Mülltonnen in meiner Umgebung absuchen, um zu einem anderen Fazit zu gelangen. Doch: Es überzeugt mich nicht, in Mülltonnen nach Essbarem zu suchen, gelange ich zu dem Schluss – Lebensmittel haben darin schlichtweg nichts zu suchen. Auch wenn vieles von dem Essen, das ich an diesem Abend gesehen habe, offensichtlich nicht mehr für den Verzehr gedacht waren, fällt dennoch auf, dass auch solche Lebensmittel weggeworfen werden, die nur unwesentlich über dem MHD liegen. Und warum können diese nicht einfach Abends vergünstigt verkauft, verschenkt oder beispielsweise eben an Foodsharing abgegeben werden? Die zahlreichen Fotos, die wir von Joe in der Zwischenzeit erhalten haben, beweisen ja, dass es noch immer gängige Praxis ist, essbare und gut erhaltene Lebensmittel einfach in die Tonne zu werfen. Es bleibt zu hoffen, dass die Arbeit von Aktivisten wie Joe Früchte trägt und dass Supermärkte von dieser sinnlosen Verschwendung abrücken – wenn sie Texte wie diesen denn vielleicht auch lesen. Und den zahlreichen Menschen, die gegen Lebensmittelverschwendung aufbegehren, mehr Gehör schenken. 

*Name geändert

ME für magazin-restkultur.de | © Magazin für Restkultur 2014

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