Abfall unter Kontrolle:
Von Beruf Depot-Arbeiter.

Im Fokus: Restberufe

Von Beruf: Depot-Arbeiter. Philippe Roche, der stellvertretend für das Abfallkontrolle-Team beim Kofferraumservice in Frankfurt steht.
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Dort, wo sich im Mittelalter ein Militärposten befand und im 19. Jahrhundert der Louisenhof, ein Sommerschloss der Familie Rothschild, ist heute in der Weidenbornstraße in Frankfurt am Main die Hauptverwaltung der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) zu finden. Vielen Frankfurtern, die es Tag für Tag hierher zieht, gilt das Interesse jedoch nur in seltenen Fällen der geschichtsträchtigen und zum Teil denkmalgeschützten Stätte. Ihr Hauptaugenmerk ist auf den »Kofferraumservice« gerichtet, der sich im Innenhof des weit gedehnten Areals befindet. Ein Ort, der naturgemäß auch unser Interesse weckt. Wir treffen hier Philippe Roche, mit dem wir an diesem Samstagvormittag einen Blick auf seine Arbeit und auf das Betriebsgelände werfen werden.

Die Leute ärgert es manchmal ein bisschen, wenn wir sie warten lassen müssen, aber sie haben auch Respekt für unsere Arbeit!

Beim Kofferraumservice in der Weidenbornstraße
Philippe Roche erwartet uns bereits ungeduldig am Eingang des Betriebshofes, als wir gegen 09:30 Uhr eintreffen. Der 58 Jahre alte Franzose, »in Paris zur Welt gekommen«, wie er freundlich betont, arbeitet seit 1995 als Depot-Arbeiter beim Kofferraumservice in der Weidenbornstraße. Nach kurzer Begrüßung schreitet er energisch voran – es gibt schließlich einen weit gedehnten Spaziergang auf dem Betriebsgelände zu machen. Auf dem Rücken seiner leuchtenden Sicherheitsweste lesen wir »Abfallkontrolle« und bekommen im Laufe des Vormittags einen guten Eindruck davon, was das  bedeutet. Seine Kollegen und er haben unter anderem zu prüfen, ob Mitgebrachtes überhaupt hier entladen werden kann. Baustoffe beispielsweise müssen zu einer gesonderten Deponie gefahren werden. Dabei gilt, dass nicht mehr als der Inhalt eines PKW Kofferraums abgegeben darf, was auch den Namen »Kofferraumservice« erklärt.
Während Roche uns von Container zu Container führt, dirigiert er auch ankommende Fahrzeuge an die entsprechenden Abladestellen: »Styropor auf die andere Seite!« oder »Tapeten direkt an die Wand da drüben!«, ruft er freundlich, aber entschieden und mit leicht französischem Akzent. Eine große Zahl von Autos fährt von Montag bis Samstag auf das Betriebsgelände. Am Ende eines einzigen Tages können es gut und gerne bis zu 300 gewesen sein. Über den gesamten Hof verteilt finden sich Container und Tonnen, in die Altpapier, Sperrmüll, Verpackungen, Grünabfälle sowie Metallschrott oder Elektrogeräte entsorgt werden können. »Samstags ist am meisten los«, sagt  Roche. »Dann stauen sich die Autos vor der Einfahrt und die Menschen verlieren die Geduld und werden auch mal richtig ungehalten – aber was sollen wir tun?«, fragt er und zuckt ratlos mit den Schultern.

Wenn kaum oder nicht genutzte Koffer oder neue Bücher weggeschmissen werden, dann macht mich das traurig.

Wir schmeißen zu viel weg
»Dass Sperrmüll weggeschmissen wird, verstehe ich«, und Roches Stimme senkt sich etwas. »Nicht aber, wenn zum Beispiel kaum oder nicht genutzte Koffer oder neue Bücher entsorgt werden. Dann macht mich das traurig«, ergänzt er nachdenklich. Einfach mitnehmen können er und seine Kollegen allerdings nichts – den Mitarbeitern des Wertstoffhofes ist das nicht erlaubt. Enthält der Sperrmüll kein Metall oder kann er nicht mehr sinnvoll in Einzelteile zerlegt werden, landet es schließlich in der Müllverbrennungsanlage. Ob er für seine Arbeit die entsprechende Wertschätzung von den Besuchern des Wertstoffhofes erhält, möchten wir wissen. »Die Leute ärgert es manchmal ein bisschen, wenn wir sie warten lassen müssen, aber sie haben auch Respekt für unsere Arbeit«, sagt er und lächelt zufrieden.
Vom Hof geht es weiter in Roches kleines Reich: halb Büro, halb Werkstatt. Hier führt er akribisch Buch darüber, wie viele Besucher kommen und was sie angeliefert haben. »Das geht ruckzuck, dass die voll sind«, sagt Roche mit Blick auf die in der angrenzenden Lagerhalle untergebrachten Elektroschrott- und Handyboxen, in denen sich die unterschiedlichsten Geräte türmen. Wöchentlich werden sie von Mitarbeitern der gemeinnützigen Werkstatt Frankfurt abgeholt. Noch funktionierende Apparate könnten unter Umständen weiterbenutzt werden – alles andere werde auseinandergenommen, um noch brauchbare Rest- und Wertstoffe zu entnehmen. Eine wahre Fundgrube für Upcycling-Fans, wie ich kurz anmerke. »Upcycling?«, fragt Roche – »das habe ich noch nie gehört«. 

Upcycling? Habe ich noch nie gehört!

Fuhr- und Räumpark der FES
Was den meisten Besuchern verborgen bleibt, die ohnehin höchstenfalls einen Blick für die Elektro-, Sperrmüll- und Abfallcontainer haben: Auf dem Betriebsgelände in der Weidenbornstraße ist auch ein Straßen- und Reinigungsfahrzeug-Fuhrpark untergebracht, zu dem uns Roche ebenfalls begleitet. Von hier aus befahren kleine und große Kehr- und Reinigungsmaschinen Fechenheim sowie die nahegelegenen Stadtteile Bornheim, Riederwald oder Bergen Enkheim. Dort kümmern sich die Kolonnen dann darum, Mülltonnen zu entleeren und Sperrmüll abzuholen. Außerdem stellen sie sicher, dass im Winter die Straßen befahrbar bleiben und Sinkkästen geleert werden. Zuständig sind sie aber auch beispielsweise dafür, die Überbleibsel von Straßenkrawallen – wie zuletzt bei der Eröffnung der Europäischen Zentralbank – wegzuräumen. Zwischengelagert werden die Inhalte der Mülltonnen und der Kehricht dann in großen versenkbaren Containern im Werkstoffhof. Um die zwei vollbeladene Behälter kommen so Tag für Tag zusammen, die anschließend zur Müllverbrennungsanlage gefahren werden.
»Dieses Jahr ist noch viel übrig, weil der Winter relativ mild war«, sagt Roche und zeigt jetzt auf einen riesigen Kieshaufen in einer Lagerhalle. Hier werden die Streusalz- und Kiesvorräte für den Winterdienst gelagert. Ebenfalls auf dem Gelände untergebracht ist der Service-Center des FES, bei dem Interessierte beispielsweise Termine für die Abholung von Sperrmüll vereinbaren können. Es ist schon fast elf Uhr und mittlerweile auch so einiges los auf dem Wertstoffhof in der Weidenbornstraße. Hier ein Besucher, der Altpapier in den Container wirft; dort reger Andrang beim Sperrmüllcontainer, der sich in den letzten knapp zwei Stunden merklich gefüllt hat. Zeit, um uns bei Philippe Roche zu bedanken und uns zu verabschieden. Ein besonders interessanter Vormittag liegt hinter uns, an dem wir viel über die Arbeit auf dem Wertstoffhof – und unser Wegwerfverhalten – lernen konnten. Als wir uns noch einmal umschauen, ist Philippe Roche wieder bei der Arbeit und unter den vielen Menschen kaum noch zu auszumachen. Nur seine Arme, die die Richtung weisen, stechen aus der Menge hervor – und die Weste mit dem Aufdruck »Abfallkontrolle«.

Zur Person

FES Frankfurt
Die FES (Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH) gehört nach eigenen Angaben nicht nur in Frankfurt zu den größten Entsorgungs- und Dienstleistungsbetrieben, sondern ist auch an 20 Standorten im Rhein-Main-Gebiet vertreten. Neben den insgesamt sechs Wertstoffhöfen (drei davon mit Kofferraumservice) unterhält das Unternehmen sechs Sortier- und Aufbereitungsanlagen (darunter eine der modernsten Altpapiersortieranlagen Europas). Angefahren werden sie von knapp 785 Entsorgungs- und Reinigungfahrzeugen. Mehr als 1.700 Mitarbeiter sind unter anderem für 27.000 öffentliche Papierkörbe und 2.500 Sinkkästen sowie für die Stadtreinigung zuständig. Die FES setzt im Jahr knapp 194 Mio. Euro um. fes-frankfurt.de

Danksagung: Wir danken nicht nur Philippe Roche, der uns besonders freundlich und auskunftsfreudig über das Betriebsgelände geführt hat, sondern auch den ehemaligen »Müllsheriff« Peter Postleb dafür, dass er das Zustandekommen dieses Termins ermöglicht hat.

@Fotos: mgzn-rstkltr

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