Die Stadt als Rohstofflager? Fünf Fragen an … den Vorsitzenden des Urban Mining e.V.

Urban Mining Kongress 2015

Die Stadt als »Rohstofflager«
Die Stadt als »Rohstofflager«

5 Fragen an … Dr. Ernst J. Baumann (Vorsitzender Urban Mining e.V.)
[10|15] Wenn Rohstoffe zunehmend verknappen und daher teurer werden, so eine dem »Urban Mining« zugrunde liegende Überlegung, dann ließen sich diese doch vielleicht einfach dort heben, wo sie vor Jahrzehnten auf Mülldeponien gelagert wurden oder – wie es bereits heute schon vielfach geschieht – beim Abriss von Bauten aller Art gewinnen. Davon überzeugt, dass Urban Mining aber weiter gefasst und dass der Blick nicht nur zurück, sondern in die Zukunft gerichtet werden muss, ist Dr. Ernst J. Baumann. Wir haben anlässlich des 6. Urban Mining-Kongress (04./05. November 2015, Dortmund) mit einem der Vorsitzenden des Urban Mining e.V. gesprochen und ihm fünf Fragen rund um diese Veranstaltung und auch um die »Stadt als Rohstofflager« gestellt.

 

1Herr, Dr. Baumann: Zum bereits sechsten Mal findet der Urban Mining-Kongress nun statt. Welche Schwerpunkte werden in diesem Jahr gesetzt?

Die Zahl 6 an sich zeigt, dass sich die Auseinandersetzung mit der Thematik »Urban Mining« immer noch als diskussionswürdig und nicht nur aus anwendungstechnischer Sicht als äußerst zeitgemäß erweist. Inhaltlich steht unser 6. Kongress unter dem Motto: »Ressourcen neu denken – die Stadt als Rohstoffmine«. Das klingt – und das ist auch so gewollt – beinahe so, als sei dies unsere erste Veranstaltung. Wir wollen bewusst einen Rückblick auf die vergangenen Jahre wagen. Deshalb treten als Referenten nicht nur neue Namen in Erscheinung. Im diesjährigen Programm sind auch ehemalige Preisträger zu finden, die sich dem Verein auch seit Jahren über Ihre (Ehren-)Mitgliedschaft verbunden fühlen und den intensiven Austausch auch in kleinerem Kreis mehr als schätzen. Wir wollen den diesjährigen Kongress insbesondere zur eigenen Standortbestimmung aus den im Verein vertretenen unterschiedlichen Forschungs- und Tätigkeitsbereichen nutzen. Dieses breit angelegte Themenspektrum soll wiederum interessierten Kongressbesuchern den Einstieg in unser Denken und in unseren Verein erleichtern.

2Preisträger des Urban Mining-Awards 2015 ist Prof. Michael Braungart, der ja für die Cradle to Cradle*-Idee bekannt geworden ist. Eine überraschende Wahl – wie kam es dazu? 

Die Wahl ist für uns in keinster Weise als Überraschung zu sehen. Sie verdeutlicht einmal mehr den Anspruch, den wir als Urban Mining-Verein erheben: Wir setzen auf Vielfalt und Einzelprojekte – aber wir müssen einfach erkennen, dass in unserer heutigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Welt das systemtheoretische Denken zu wenig einbezogen wird. Jeder dreht an Stellrädchen und Stellhebeln – aber die wenigsten interessiert, was sie damit in der zu betrachtenden Gesamtmaschinerie an Wirkungen und Reaktionen auslösen. Und aus systemtheoretischen Überlegungen darf Urban Mining nicht isoliert betrachtet werden. Es muss Bestandteil und bewusstes Element eines zukunftsorientierten, Ressourcen schonenden Wirtschaftsdenkens werden – eben von der Produktverantwortung zu einer integralen Rohstoffbewirtschaftung; zur langfristigen Existenzsicherung unserer sozialen Systeme vor dem Hintergrund einer äußerst limitierten Ressourcenlage: Wir haben nur diese eine Welt und keine zweite in Reserve. Prof. Michael Braungart ist hier für uns Vordenker einer entsprechend orientierten Welt der Urbanisierung, die in Punkto »Nachhaltigkeit« und »Ressourcenschonung« den Gedanken des Urban Mining entsprechend berücksichtigt. Gleichzeitig hilft uns der Dialog mit unserem Preisträger die unter unseren Gesichtspunkten relevanten Herausforderungen des Urban Age klarer und besser zu erfassen.

Der Urban Mining Award: Ausgezeichnet werden damit »besondere Verdienste und Leistungen für die Förderung und Umsetzung einer konsequenten Kreislaufwirtschaft«

Der Urban Mining Award: Ausgezeichnet werden damit Menschen, die sich durch »besondere Verdienste und Leistungen für die Förderung und Umsetzung einer konsequenten Kreislaufwirtschaft« auszeichnen.

3Welche Impulse sollen vom Urban Mining-Kongress 2015 ausgehen?

Wir sind überzeugt, dass es eine Vielzahl von Organisationen, Verbänden und Vereinen gibt, die sich in unterschiedlichster Art und Weise mit dem Thema Ressourcenschonung, -optimierung und -sicherung beschäftigen. Wir merken dies insbesondere an einer steigenden Zahl von verbandsbasierten Anfragen. Der Kongress soll einmal mehr zu derartigen Anfragen anregen und die Bereitschaft zur Berücksichtigung eines übergreifenden, stärker systemtheoretisch basierten Denkens fördern.

4Als wie praktikabel erweist sich derzeit die Rückgewinnung von Rohstoffen aus Mülldeponien bzw. die Nutzung der Stadt als »Rohstofflager«?

Der Gedanke der Kreislaufwirtschaft im Sinne seiner geistigen Väter gab allen eine klare Ausrichtung mit auf den Weg: Vermeiden vor Vermindern; Vermindern vor Verwerten – und Verwerten vor umweltneutraler Deponierung der minimierten Restmenge! Die Lösung der abfallrechtlich relevanten Probleme und ein ausbleibender Kostendruck führten aber schon bald dazu, dass nach den anfänglichen intensiven Bemühungen der konsumdominierte Alltag – auf einem zugegeben höheren Recycling-Niveau –, aber nach unserem auf Ressourcenschonung gerichteten Ansatz, wieder ungehemmt einsetzte. Immer mehr Menschen verbrauchen immer schneller immer mehr limitierte Ressourcen: Wehe dem Tag, an dem diese technologiebasierte Zuversicht zu kurz greift und unser zunehmend störanfälliges ökologisches, ökonomisches, soziales und global vernetztes Gesamtsystem seine Zerreißprobe nicht besteht!

Aus diesen Überlegungen heraus wäre die Rückgewinnung von Rohstoffen aus Mülldeponien, oder eher: Monodeponien, eine Art Reservelager. Das ist aber nicht das, was Urban Mining im Kern will. Die Stadt heute bietet selbstverständlich riesige antrophogene Lager*. Aber diese sind weder katastermäßig richtig erfasst noch ist beispielsweise unsere heutige Art zu bauen auf unsere Philosophie abgestimmt. Warum liegen Leitungen beispielsweise immer noch unter Putz und warum werden Fenster noch immer eingeschäumt und verklebt anstatt ordentlich stofflich abgedichtet und verschraubt zu sein? Wird unser Ansatz erst in Zeiten höchster ökonomischer Not als »sinnvoll und zielführend« anerkannt, ist es für jeden strategischen Gestaltungsplan zu spät. Wir müssen bei Zeiten, also jetzt – fünf nach Zwölf – unermüdlich dieses Thema nach vorne bringen.

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»Die Stadt heute bietet selbstverständlich ein riesiges antrophogenes Lager.«

5Urban Mining lässt sich ja unter anderem auch als Versuch bezeichnen, Fehler zu korrigieren, die rund um die Entsorgung von Ressourcen in der Vergangenheit gemacht wurden. Welche Fehler werden heute unter Umständen gemacht, die zukünftige Generationen vor ähnliche Herausforderungen stellen könnten?

Eine sehr gute Frage, deren Beantwortung in wenigen Sätzen schier unmöglich ist. Aber ich will es einmal so versuchen: Die Geschichte beschreibt vergangene Vorgänge und Geschehnisse gerne als situationsbezogen: »Das haben sie damals nicht besser gewusst«. Die Welt, in der wie heute leben, ist derart komplex, vielfältig, zunehmend schnelllebiger und – aus meiner persönlichen Sicht – nicht steuerbar. In vielen Bereichen, wie der Verzicht auf Plastiktüten zeigt, wird aber auch deutlich, dass ganze Staaten hier entscheidend eingreifen und agieren können. Gleichzeitig schaffen aber viele, die sich für Umweltbelange einsetzen, paradoxerweise auch die Müllberge der Zukunft: der »Kaffee to Go«-Trend und Fast Food-Restaurants sind nur zwei Beispiele dafür. Mit einer hoch technisierten Recycling-Industrie und aufwendiger Logistik sind sie zwar vielleicht beherrschbar – aber unter ressourcenschonenden Gesichtspunkten einfach nicht akzeptabel. Wenn es sich um limitierte Ressourcen handelt – da wiederhole ich mich gerne: Vermeiden vor Vermindern! Abschließend denken auch wir, dass wir bei den zu lösenden Aufgaben kein Verständnisproblem, sondern eher Handlungsprobleme haben. Da sind Gesellschaft, Wirtschaft und Politik gefragt – der Urban Mining-Kongress kann nur im Sinne unsere Vereinsziele darauf hinweisen.

Wir danken Herrn Dr. Baumann für seine Ausführungen.

Zur Person

 

*Anmerkungen

Antrophogene Lager: (Lager)-Stätten, die durch/vom Menschen verursachte/entstandene Stoffe enthalten
Cradle to Cradle: (= von der Wiege bis zur Wiege) Ein von Prof. Michael Braungart und William McDonough entwickeltes Konzept, bei dem Reste im eigentlichen Sinne gar nicht erst entstehen sollen. Siehe auch: Magazin für Restkultur im Gespräch mit Michael Braungart

©Fotos: Urban Mining e.V./Mark Michaelis/Montage Titelbild: mgzn rstkltr (Kohlewagen: alex.ch)

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