Restlos begeisternd: Unterstützung für Flüchtlinge in Neu-Isenburg

Neu-Isenburg, 06. September 2015
„Hier können Sie zwar leider nicht helfen“, erklärt uns die Stadtverordnete Inge Manus (SPD) freundlich, als sie uns am Eingangstor antrifft, „aber vielleicht werden noch Helfer beim DLB gesucht“, fügt sie hinzu. Es ist Sonntag mittag und wir haben uns nach Neu-Isenburg begeben, wo die über uns fliegenden Flugzeuge erahnen lassen, dass der Frankfurter Flughafen ganz in der Nähe sein muss. Hier, in einem Industriegebiet, hat die Stadtverwaltung in den ehemaligen Betriebsräumen einer Großdruckerei ein Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge eingerichtet, vor dem wir uns befinden. Nun machen wir uns also auf zu den Dienstleistungsbetrieben Neu-Isenburg (kurz DLB), die am Stadtrand zu finden sind. Unsere Befürchtung, auch hier würde keine Hilfe benötigt werden, erweist sich allerdings als unbegründet: zu tun gibt es genug und Helfer sind nicht nur willkommen – sie sind auch mehr als zahlreich erschienen.

Rechts Frauen und Männer, links Kinder – die bereits sortierten Kartons mit Kleiderspenden
Eindrucksvolle Hilfsbereitschaft in Neu-Isenburg: Rechts: Kleidung und Schuhe für Frauen und Männer, links für Kinder. Bis zum nächsten Tag wird ein zweiter Raum ähnlicher Größe nötig werden, um die bereits sortierten Kartons voller Kleiderspenden unterzubringen.

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Ein Appell mit Wirkung

Große Hilfsbereitschaft
Dort, wo sonst unter der Woche Neu-Isenburger Elektromüll oder ausrangierte Haushaltsgegenstände entsorgen, bildet sich an diesem Sonntag Nachmittag eine lange Fahrzeugkolonne. Die Insassen befördern heute allerdings Sachspenden für die knapp 700 Flüchtlinge, die in diesen Tagen im Neu-Isenburger Erstaufnahmezentrum untergebracht werden. Ein Teil von ihnen ist aber – so wie wir auch – hergekommen, um irgendwo mit anzupacken. Noch wissen wir nicht, dass „der Mann in rot“, zu dem wir geleitet werden, zusammen mit der Neu-Isenburger Flüchtlingshilfe Urheber dessen ist, was sich auf dem Betriebsgelände der DLB ereignet. Der Neu-Isenburger Henrik Kammermeier (39) hat mit einem Aufruf auf Facebook  die außerordentliche Hilfsbereitschaft vieler Neu-Isenburger und auch einiger Menschen aus dem nahen Frankfurt geweckt. Neben Mitarbeitern des Roten Kreuzes und anderen Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe ist er jetzt Ansprechpartner für Hilfswillige und versucht Ordnung in das scheinbare Chaos zu bringen. Soweit das Auge reicht, sind Menschen zu sehen, die Säcke herantragen oder andere, die deren Inhalte in Augenschein nehmen.

Die Sortierarbeit steht noch bevor
Die Sortierarbeit steht noch bevor

„Einfach drüben bei den anderen die Kleidung sortieren“, weist uns Kammermeier unsere Aufgabe zu. Nur wenige Augenblicke später befinden wir uns inmitten unzähliger Gebrauchtkleidung – und jenseits der improvisierten Theke, vor der Spendenwillige säckeweise Hosen, Mäntel oder was sich sonst im Schrank oder Keller findet, abgeben. Der markante Geruch abgestandener Kleidung und von Mottenkugeln liegt in der Luft. Um uns herum junge und auch ältere Helfer, die uns in den ersten Augenblicken der Ratlosigkeit zur Seite stehen. Das Prozedere ist einfach: Säcke oder Taschen öffnen, prüfen und die Kleidungsstücke in die bereitgestellten Kartons legen. Später wird auf ihnen „Kinder“, „Frauen“ oder aber auch „Männer“ zu lesen sein. Von hochwertiger und kaum getragener Markenware bis hin zu modisch aus der Zeit gefallene und kaum verwertbare Kleidung ist alles dabei. Später helfe auch ich dabei, die vollgepackten Kartons in einen trockenen Raum (siehe Titelbild) zu befördern, wo die vorsortierten Spenden zwischengelagert werden.

Große Hilfsbereitschaft der Neu-Isenburger – und ein „Mann in rot“ …

Das bleibt in Erinnerung
Während einer kurzen Pause komme ich eher zufällig auch mit Michael Kaul ins Gespräch. Er ist schon seit mehr als 25 Jahren bei der Flüchtlingshilfe Neu-Isenburg tätig und angetan von der zu Tage tretenden Hilfsbereitschaft so vieler Menschen. „Die Kapazitäten in Neu-Isenburg sind eigentlich erschöpft“, sagt er, „aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass mehr Flüchtende in naher Zukunft zu uns kommen werden.“ Was anschließend mit der von uns vorsortierten Kleidung passiere, möchte ich wissen. „Die wird vom Deutschen Roten Kreuz nachsortiert und in einem Kleiderladen in Neu-Isenburg als Erstausstattung den Flüchtlingen kostenlos zur Verfügung gestellt. Es ist ja eine Frage der Würde, dass sich die Menschen in einer entsprechenden Ladenatmosphäre die gewünschte Bekleidung aussuchen können“, so Kaul.

Die Menge der Sachspenden übertrifft die Erwartungen der Organisatoren bei Weitem
Die Menge der Sachspenden übertrifft die Erwartungen der Organisatoren bei Weitem

Wir von Magazin für Restkultur haben uns heute wohlgemerkt nicht mit der Absicht nach Neu-Isenburg begeben, eine „Geschichte über Reste“ zu erzählen (obwohl die Berge an oftmals in Mülltüten gelieferter Second-Hand-Kleidung, die hier zu sehen sind sowie der Ort selbst in einem anderen Kontext gewiss genug Stoff dafür böten). Zur Erinnerung: Auf Magazin für Restkultur kümmern wir uns ja um den Rest in allen seinen vermeintlich positiven als auch negativen Ausprägungen. Entschieden haben wir uns dennoch trotzdem, diesen redaktionellen Widerspruch in Kauf zu nehmen, um die überwältigende Hilfsbereitschaft und bewegende Anteilnahme in den Vordergrund zu stellen und den Organisatoren und Helfern ein „weiter so!“ zuzurufen. Die Erkenntnis bei einem großen Teil von Menschen scheint gereift, dass die Probleme auf der Welt nicht vor unserer Haustür Halt machen. Und gewiss: Die hoffentlich nicht nur kurzzeitige Hilfsbereitschaft ist erst ein erster, aber ungeheuer wichtiger Schritt hin zur Integration einer großen Anzahl von Menschen, die schon jetzt unser Land zu verändern beginnt. Viele von ihnen werden (wer weiß das schon?) vielleicht für immer, einige vielleicht nur vorübergehend in Deutschland bleiben wollen. In Erinnerung behalten werden aber auch sie eine in vielen Teilen Deutschlands offenherzige Willkommens- und Hilfskultur. Die sich übrigens bei vielen Menschen auch in der Erkenntnis darüber zu gründen scheint, dass sich niemand – niemand! – ohne Not auf die gefährliche Flucht begibt und seine Heimat verlässt, um in der Fremde in eine ungewisse Zukunft zu blicken.

Oder – um es mit den Worten Michael Kauls zu formulieren, der sichtlich bewegt während unseres Gespräches sagte: „Ich wünschte, ich könnte diesen Augenblick dieser so großen Hilfsbereitschaft einfrieren“. 

Refugees are welcome in Neu-Isenburg
Die Initiative „Refugees are welcome in Neu-Isenburg“ hat eine Vielzahl von Menschen erreicht – und bewegt. In der dafür eingerichteten Facebook-Gruppe sind ständig aktualisierte Informationen rund um Spenden, aber auch über die Flüchtenden, zu finden. facebook.com/groups/refugees.welcome

@Fotos: Refugees are Welcome in Neu-Isenburg

ME für magazin-restkultur.de | © Magazin für Restkultur 2015

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