»Restkultur DDR in Culver City«

Gastbeitrag Dr. Alexandra Hildebrandt

Automobile Hinterlassenschaften auf einer Autohalde bei Triebischtal/Meißen im Jahr 1993. ©Foto: Harald Hauswald/OSTKREUZ

 Alexandra Hildebrandt: Auszug aus »Verramscht, weggeworfen, ausgestellt: Restkultur DDR in Culver City«  
Im Jahr 1990 wurden in der ehemaligen DDR knapp 19 Millionen Tonnen Müll entsorgt – dreimal soviel wie im damaligen bundesdeutschen Durchschnitt*. Ein Land war dabei, sich nicht nur politisch, sondern auch faktisch aufzulösen. Vor diesem Schicksal bewahrte ein amerikanischer Historiker um die 100.000 Artefakte. Diese sind im »Wendemuseum« im kalifornischen Culver zu sehen, wo sich eine der größten Sammlungen dieser Art weltweit befindet. In einem Beitrag für die Huffington Post macht Alexandra Hildebrandt sowohl auf die Ausstellung als auch auf ein liebevoll zusammengestelltes Buch des Verlags Taschen aufmerksam. Wir veröffentlichen hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin Auszüge daraus.

*Quelle: Dass DDR Handbuch

 

Von Alltagsgegenständen …

Das Wendemuseum in Culver City bei Los Angeles, benannt nach dem historischen Zeitraum um den Mauerfall 1989, beherbergt in einer ehemaligen Waffenkammer der Nationalgarde aus dem Jahr 1949 eine der weltweit umfangreichsten Sammlungen mit Artefakten aus der DDR – von Stasi-Spionagewerkzeugen und Schildern vom Checkpoint Charlie über eine Ansammlung an ostdeutschen Haushaltsprodukten und Designobjekten. Ziel ist es, alle schönen und schrecklichen Details dieser verschwundenen Welt möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Zu finden sind hier etwa 100.000 Artefakte aus der DDR, darunter Speisekarten, Mitropa-Geschirr, Filmplakate, Zigarettensorten, Bilder, Poster, Fotoalben, Familienalben, Plattenhüllen, Möbel, Spielzeug, Kunst und Design. Die hier gesammelten Dinge stammen häufig aus Situationen, in denen sie nur noch als Müll angesehen wurden.

… bis Alltagskultur: Das DDR Handbuch. ©Taschen

„Eine ganze Kultur verschwindet, weil sie noch nicht als historisch, sondern nur als alt angesehen wird“, sagt der Historiker Dr. Justinian Jampol, dessen Arbeitsschwerpunkt auf dem Gebiet der Visual Cultural Studies und dem Zusammenhang zwischen zeitgenössischer Kunst und der Ikonografie des Kalten Krieges liegt. Als die Mauer fiel, war der US-Amerikaner elf Jahre alt. Seit dem Jahr 2000 sammelt er Designobjekte, Artefakte und Alltagsgegenstände aus der DDR (1949 bis 1989). 2002 gründete er das Wendemuseum. Damals studierte er noch an der Oxford-Universität und machte seinen Master im Fach Russian and East European Studies. Während eines Semesters in Berlin fand er im offiziellen Bundesarchiv nicht das passende Quellenmaterial, das er zur Beantwortung seiner Fragen in Bezug auf den Alltag in der ehemaligen DDR benötigte. Er beobachtete, dass einzelne Bruchstücke der Geschichte regelrecht ausradiert wurden. „Die materielle Kultur der DDR und die Art und Weise, wie diese Dinge seit 1989 gesammelt, verramscht, ignoriert, weggeworfen, ausgestellt und verlacht werden, zeigen, inwieweit die Geschichte der DDR immer noch die Gemüter entzweit und keinen Konsens gefunden hat.“ Um herauszufinden, was kulturell relevant ist, musste er zunächst herausfinden, wo sich die faszinierendsten DDR-Relikte befinden. Er durchsuchte Keller, Dachböden, Flohmärkte und Atomschutzbunker und fand hier „Dinge, die die Leute traumatisierten, die sie liebten und wegwarfen.“ Mit dem Akt des Zusammenstellens soll ein Nachdenken herausgefordert und angeregt werden, das auf unser gegenwärtiges Sein zurückwirkt.

Im Original auf huffingtonpost.de unter dem Titel »Verramscht, weggeworfen, ausgestellt: Restkultur DDR in Culver City« (Januar 2018, Alexandra Hildebrandt)

 


Das DDR Handbuch
Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR
Leinen (Flexicover), 816 Seiten (D/E)
Taschen, 2017
Preis: 30 €
ISBN: 978-3-8365-7188-3

©Coverabbildung: Taschen

 

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