Eine Kleinigkeit vergessen?

Im Gespräch mit dem Filmemacher Edgar Hagen

»Wie soll sich eine Gesellschaft für die Lösung eines Problems einsetzen, wenn sie sich kein Bild vom Zustand des Gegenstands machen darf, um den es geht?«

– Edgar Hagen im Gespräch mit Magazin für Restkultur –

 

Der Bau eines Atomkraftwerkes sei – so ein chinesischer Atomexperte gleich zu Beginn des Films »Die Reise zum sichersten Ort der Erde« (Kinostart in Deutschland: 19. März 2015) – mit dem Bau eines Hauses vergleichbar: Hier wie da gelte es von Anfang an, an den Einbau der Toiletten zu denken. Doch haben Reaktortechnikexperten die dauerhaft sichere Entsorgung hochradioaktiven Mülls tatsächlich bei der Planung von Atomkraftwerken konsequent zu Ende gedacht? Der Film des Schweizer Regisseurs Edgar Hagen sucht Antworten darauf und dokumentiert die Suche nach eben jenem »Abort« für den sich weltweit ansammelnden Atommüll. Auf seiner Reise rund um den Globus wird er dabei von keinem geringeren als von Charles McCombie begleitet. Schon seit Jahrzehnten treibt der international anerkannte Experte die Suche nach einem geeignetem Endlager voran. Ist also, wie im Film zu sehen, das unbeirrbare Festhalten der zahlreichen Protagonisten an der Atomkraft berechtigt? Oder behalten die Atomkraftgegener recht, die der Filmemacher ebenfalls zu Wort kommen lässt?
Vielleicht stellt sich hingegen aber ja einfach nur heraus, dass bei der Planung von Atomkraftwerken eine Kleinigkeit vergessen wurde. Wir hatten nicht nur Gelegenheit, »Die Reise zum sichersten Ort der Erde« schon vor dem Kinostart zu sehen, sondern sind auch mit dem Regisseur Edgar Hagen ins Gespräch gekommen.

Magazin für Restkultur: Was hat Sie persönlich dazu veranlasst, sich der Endlagerfrage für hochradioaktiven Müll anzunehmen?
Edgar Hagen: Die Geschichte der Atomenergie ist die Geschichte meiner Generation. Sie hat mich begleitet. 1956 hat Queen Elizabeth II. in Sellafield im Vereinigten Königreich das angeblich erste zivil genutzte Atomkraftwerk eröffnet. Ich bin 1958 geboren, in der Schweiz, wo auch euphorisch der Aufbruch ins Zeitalter der Atomenergie gefeiert wurde. Der Optimismus meiner Generation hat etwas mit diesem Aufbruch und dieser Beschleunigung zu tun. Heute stellt sich die Frage, was daraus geworden ist. Der Atommüll setzt ein riesiges Fragezeichen hinter die Entwicklung dieser wenigen Jahrzehnte. Mit »Die Reise zum sichersten Ort der Erde« sah ich die Möglichkeit, im Stil einer klassischen Entdeckungsreise die Geschichte zu erzählen, wie wir mit einer der ganz brennenden Fragen unserer Zeit umgehen und anstoßen.

 

Im Gespräch mit …

In Ihrem Film »Die Reise zum sichersten Ort der Erde« räumen Sie den Befürwortern der Atomenergie einen großen Raum ein. Dabei wirken die Beteiligten zum Teil unbeholfen und mitunter auch recht naiv. War diese Vorgehensweise ein Wagnis?
Mich hat vor allem der Glaube interessiert, der uns in den heutigen Konflikt mit der Atomenergie geführt hat. Deshalb war es auch klar, dass ich mit Atombefürwortern gleichermaßen wie mit Atomkraftgegnern diesen Film drehen wollte. Was im Film mitunter als naiv daher kommt, ist ein ehrlicher Ausdruck davon, wie hilflos wir kollektiv mit großen Fragen und Problemen umgehen. Das soll durchaus beunruhigend sein. Die Arbeit über ideologische Gräben hinweg hat Vertrauen vorausgesetzt. Das Wagnis war, diesen Spagat zu schaffen und niemanden dabei zu verschleißen.

Wie hoch waren die Auflagen bei den Dreharbeiten und haben Sie möglicherweise spannende Aufnahmen aus dem Film rausnehmen müssen, weil die Dreherlaubnis entzogen wurde oder sich die Protagonisten dann doch dagegen aussprachen?
Die Auflagen waren massiv. Vieles, von dem wir anfangs dachten, dass wir es drehen könnten, erwies sich im Verlauf der Arbeit als unmöglich. Zudem wurden nach der Katastrophe in Fukushima die Auflagen überall verschärft. Selbst eingefleischte Atombefürworter wurden plötzlich skeptisch und misstrauten ihren Impulsen, Türen zu öffnen und stolz zu zeigen, was sie zeigen wollten. Doch was wir gedreht hatten, konnten wir auch verwenden. Die große Frage, die mich während den ganzen Dreharbeiten umtrieb, war: Wie soll sich eine Gesellschaft für die Lösung eines Problems einsetzen, wenn sie sich kein Bild vom Zustand des Gegenstands machen darf, um den es geht? Die Bilder, die wir gemacht haben, waren alle hart erkämpft. Für viele Einstellungen gingen monatelange Verhandlungen voraus.

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»Die Reise zum sichersten Ort der Erde« (CH 2014)
In Deutschland ab 19. März 2015 in den Kinos
Website zum Film

Der Experte Charles McCombie, der sich seit 35 Jahren der Frage der Endlagerung hochradioaktiver Abfälle angenommen hat, hat Sie während Ihrer Reise begleitet. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und glauben Sie, dass er selbst möglicherweise ein anderes Verhältnis zur Endlagerungsfrage nach und während der Dreharbeiten bekommen hat?
Auf Charles McCombie bin ich ganz zu Beginn meiner Recherche gestossen. Er ist wirklich die Person, die das Problem als globales angeht, das es ist. Er ist praktisch auf allen Kontinenten unterwegs und in die meisten Endlagerprogramme weltweit involviert. Zudem glaubt er an die Lösbarkeit des Problems. Ohne ihn wäre der Film in dieser Art nicht möglich gewesen. Er hat sich in verschiedenen Ländern gegenüber den obersten Behörden für dieses Filmprojekt stark gemacht. In China ging das bis vor die Chinesische Atomenergie Behörde. Sowohl sein Charakter als auch die unzähligen Rückschläge, die er in der Endlagersuche erlebt hat, haben dazu geführt, dass wir völlig offen über die Probleme und Konflikte sprechen konnten. Er kennt die Konflikte aus eigener Anschauung und wollte auch, dass sie im Film möglichst stark zur Darstellung kommen. Wir hatten von Anfang an die Abmachung, dass wir eine faire Auseinandersetzung führen. Zu erwarten, dass ihm der Film den Glauben in die Lösbarkeit des Problems nehmen würde, wäre vermessen. Ich wollte ja nicht ihn verändern, sondern begreifen, wo wir als Gesellschaft in dieser Frage stehen. Auch ich bin kein Atombefürworter geworden.

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Der Experte für Endlagerfragen Charles McCombie ist sich sicher, dass es den sichersten Ort der Erde gibt. Er begleitet Edgar Hagen auf der weltweiten Suche danach.

Neben der Endlagerfrage ist bei Kernkraft-Befürwortern beispielsweise auch von der Transmutation* hochradioaktiver Abfälle die Rede. Befürchten Sie, dass ihnen vorgehalten werden könnte, diesen Aspekt in Ihrem Film auszublenden?
In all unseren Ländern müssen Endlagerlösungen nachgewiesen werden, wenn auch nur auf dem Papier, damit die Atomkraftwerke überhaupt betrieben werden dürfen. In der Schweiz ist das per Gesetz seit 1978 so. In Deutschland hält man deshalb an Gorleben fest. In den USA durfte Präsident Obama 2010 deshalb nicht sagen, dass Yucca Mountain** ein wisenschaftlich untaugliches Projekt sei, sondern dass es leider aufgrund von politischem Widerstand nicht machbar sei. De facto hat er es damit nicht besiegelt. In all unseren Ländern wird offiziell behauptet, dass wir Endlagerlösungen haben, auch wenn nur auf dem Papier – oder auch wenn sie schon längst gescheitert sind. »Endlager« ist der Lösungsweg, den wir offiziell beschritten haben. Die Geschichte, die uns auf diesem Weg widerfährt, wollte ich erzählen. Die Transmutation spielt dabei und in dieser kollektiven Rechtfertigungsstrategie erstmal keine Rolle.

Sie haben zahlreiche geplante, aber auch gescheiterte Atommüllendlagerungsstätten und -konzepte in Augenschein nehmen können. Mit welchem Gefühl kehren Sie nach den Drehaufnahmen zurück?
Mir haben all diese Projekte und Konzepte den Blick geöffnet für Funktionsweisen unserer Gesellschaft. Es sind zum Teil tiefe Einblicke in unsere kollektiven Verdrängungsmechanismen.

Wie hat der Film Sie selbst und Ihren Blick auf das Thema eigentlich verändert?
Der Film hat mich definitiv aus der Sorglosigkeit herausgeholt und in gewisser Weise radikalisiert. Nicht für jedes Problem gibt es eine Lösung. Das zu akzeptieren ist schwierig. Wir zerstören Teile unseres Lebensraums nachhaltig. Wir produzieren No-Go-Zonen für sehr lange Zeit, eigentlich für die Ewigkeit. Das heißt, wir verengen unseren Lebensraum, während wir zugleich das Bedürfnis entwickeln uns auszuweiten. Das führt in eine kollektive Schizophrenie.

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»Einblicke in die kollektive Schizophrenie« – geht es vielleicht hier zum sichersten Ort der Erde?

Die Suche nach einem Atommüllendlager wird auch in Deutschland weitergeführt werden müssen. Wie glauben Sie, wird Ihr Film diese Suche möglicherweise beeinflussen? Länder wie China setzen ja offensichtlich voll und ganz auf die Atomkarte …
Ich denke, Deutschland wird in eine sehr schmerzhafte Endlagersuche einsteigen müssen. Bisher konnte man ja noch sagen, Gorleben wird erkundet. Doch dieses Projekt steht nach mehr als 35 Jahren Erkundung vor dem Aus. Den Abschied von Gorleben konsequent zu vollziehen, ist so schwierig, weil man sich damit eingestehen muss, dass man nach all den Jahren der Suche und der Investitionen mit leeren Händen dasteht. Das Endlager und die Entsorgung sind plötzlich nicht mehr die Probleme einer Region, sondern die eines ganzen Landes. Wie das der Film zeigt: allmählich wird jeder Ort endlagerverdächtig. Der Film könnte vielleicht helfen, gewisse Fehler die vorgeführt werden, erst gar nicht mehr zu machen. Also schonungsloser Umgang mit dem Thema unter Berücksichtigung aller Probleme und Einbezug auch der echten Kritiker. Gorleben scheitert nicht am Widerstand der Bürgerbewegung, sondern letztlich an den eigenen Widersprüchen, in die sich das Projekt von Anfang an verstrickt hat. Die Bürgerbewegung hat diese Widersprüche in einem jahrzehntelangen hartnäckigen Kampf schonungslos aufgezeigt. Dafür muss man ihr dankbar sein. China scheint auf die Karte Atomenergie zu setzen. Im Film kündigt es sich aber schon an, dass selbst in einem autoritär geführten Land, die Endlagersuche alles andere als einfach ist. In China ist der Widerstand gegen Atomkraft verboten. Das wird sich auf Dauer nicht halten lassen.

Sind Ihnen denn auch Vorschläge untergekommen, wie der Atommüll auch zu einem »sicheren Ort« außerhalb der Erde gebracht werden könnte?
Die NASA hat diese Idee offenbar für nur sehr kurze Zeit und nie ernsthaft verfolgt. Man stelle sich vor, eine Rakete mit Atommüll würde in der Atmosphäre explodieren. Es wäre das Gegenteil von dem, was ein Endlager im Idealfall anstrebt – das Material aus der Biosphäre herauszunehmen. Durch eine Explosion wäre das hochgiftige, tödliche Material überall. Fukushima gibt uns ein Beispiel dafür.

Blick in »einer der gefährlichsten Orte überhaupt«: Sellafield
Blick in »einen der gefährlichsten Orte überhaupt«: Sellafield

Und was war die für Sie bizarrste Erfahrung während der Dreharbeiten?
Die ehrliche Aussage vom ehemaligen Vize-CEO der britischen Atomindustrie, Gregg Butler, als wir gemeinsam in Sellafield drehen durften: Sie haben erstmal enthusiastisch Atomkraftwerke gebaut und sich keinerlei Gedanken über die Entsorgung gemacht. In Sellafield ist so einer der gefährlichsten Orte überhaupt entstanden. Brennelemente lagern dort im ganz großen Stil in Becken unter freiem Himmel, flüssige Abfälle aus der Wiederaufbereitung in lecken Becken. Sehen darf das heute niemand mehr, wir waren wohl die letzten, die dort noch reinkamen. Bizarr ist, dass das geschützt werden muss vor Terroristen und geschützt wird vor den Augen der kritischen Öffentlichkeit, die einen Beitrag leisten muss zur Lösung des Problems. Wie können wir uns für etwas einsetzen, von dem wir auf allen Ebenen systematisch ferngehalten werden?

Zum Schluss, Herr Hagen: Ihr Film war dann für Sie erfolgreich, wenn der Besucher nach dem Kinobesuch folgendes denkt/sagt …
»… wir müssen uns gemeinsam darum kümmern, auch wenn uns das einiges Kopfzerbrechen kostet.«

Herr Hagen, vielen Dank für das Gespräch. 

 

Die Frage an uns
Wann immer möglich, bitten wir in unseren Gesprächen auch um eine Frage an uns – und machen den Interviewten kurzerhand zum Interviewer. Was wollen unsere Gesprächspartner über Magazin für Restkultur erfahren? Vielleicht sind es ja die gleichen Dinge, die auch unsere Leser von uns gerne wissen möchten. Die bisher gestellten Fragen – und unsere Antworten – sind unter Fragen an uns zu finden.
Edgar Hagen (Regisseur) fragt:
Gibt es beim Geld auch Reste?
Eine überraschende Frage, Herr Hagen, mit der ich nicht sofort etwas anfangen konnte, wie Sie ja wissen. Es kommt ganz darauf an, welche Bedeutung wir Geld beimessen, stelle ich nach längerem Nachdenken fest. Als Tauschmittel, das einen gewissen Gegenwert verkörpert, entstehen allenthalben abstrakte Reste dieser Werte, die sich in Weggeschmissenem und Übrigbleibendem materialisieren. Wenn aber Geld als bare Münze verstanden wird, die wir in Händen halten, so scheint es, dass wir Geld immer restlos ausgeben. Was im Übrigen aber auch zu unserer Idee passt, uns in absehbarer Zeit mit einem Bettler/Obdachlosen auf Restgeld-Suche zu begeben … »Die Reise zum sichersten Ort der Erde, 02|2015«
 

©Fotos: W-film Distribution/Mira Film | ©Filmplakat: W-film Distribution

*Transmutation: Magazin für Restkultur ist keinesfalls bestrebt, eine mitnichten spruchreife Technik wie die der Transmutation hoffähig zu machen. Geboten scheint uns dennoch, uns mit den Argumenten von Kernkraftbefürwortern auseinander zu setzen, die in eben dieser Transmutation eine Möglichkeit sehen, das nach wie vor ungelöste Problem der Endlagerung beherrschbar zu machen. In einem etwas älteren Artikel setzt sich die FAZ damit auseinander: faz.net
** Yucca Mountain: Geplante Lagerstätte für hochradioaktiven Atommüll in der Wüste von Nevada (USA)

 

ME für magazin-restkultur.de | © Magazin für Restkultur 2015

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