Auf dem »Upcycling-Planeten«

Zu Besuch bei PLUP (Planet Upcycling) in Düsseldorf

Der im Süden Düsseldorfs gelegene Stadtteil »Flingern« ist dabei, sich neu zu erfinden. Galt es bis vor wenigen Jahrzehnten noch als eher schmuckloses Arbeiterquartier, siedelt sich heute hier eine zunehmend kaufkräftige und gut gebildete Mittelschicht hier an. Das zumindest belegt auch eine spontan unter mehreren Passanten durchgeführte nicht-repräsentative Umfrage direkt vor Ort. Hierhin hat es auch Annekathrin und Frank Metzler vor knapp vier Jahren verschlagen, die nun als Inhaber von PLUP (Planet Upcycling) in der Ackerstraße verantwortlich zeichnen. Magazin für Restkultur landete schon vor fast einem Jahr zu einer unangekündigten Erkundungsexpedition auf dem »Planeten des Upcyclings«. Einen Artikel waren wir bis heute aber leider schuldig geblieben. Als besondere Ehre veröffentlichen wir diesen »Rest« des Jahres 2015 daher als einen der ersten Artikel im Jahr 2016 …
»Schmerzhafter Eindruck«: Eine Vinylsingle auf das Format eines Notizblocks gestanzt … 
»Schmerzhafter Eindruck«: Eine Vinylsingle auf das Format eines Notizblocks gestanzt …

Ein erster (»schmerzhafter«) Eindruck
Upcycling kann zuweilen »schmerzhafte« Sinneseindrücke hinterlassen: Im Schaufenster von PLUP ist unter anderem auch eine Vinyl-Single einer von dem Verfasser dieser Zeilen hochverehrten Band zu sehen – AUF DAS FORMAT EINES NOTIZBLOCKS GESTANZT. »Möge der liebe Musikgott Nachsicht mit diesem bemitleidenswerten Gestalter haben«, denke ich bei mir und betrete das hell und übersichtlich gestaltete Innere von PLUP. Ich bin darauf gefasst, an den aus Paletten gefertigten Regalen weitere »schaurige« Entdeckungen zu machen. Doch davon, aber auch von den Besitzern, keine Spur. »Die sind aber in der Nähe und ich sage kurz bescheid«, lässt mich eine Mitarbeiterin wissen, die im hinteren Ladenteil ein Upcycling-Nähatelier betreibt. Dass Annekathrin und Frank wortwörtlich alles liegen lassen, um den Frankfurter Überraschungsbesucher zu treffen, weiß ich da noch nicht. Also nutze ich die Zeit, um das Planeteninnere zu erkunden.

Der Reiz des »Restes«
Auf Magazin für Restkultur sind wir ja nicht in jedem Fall davon überzeugt, dass Reste unbedingt verwertet werden müssen – sinnvoll(er) kann es ja schließlich sein, diese erst gar nicht entstehen zu lassen. Aber: zwei Herzen, ach, schlagen in unserer Brust! Und so kreist mein Blick über die unterschiedlichsten Einrichtungsgegenstände und Kleidungsstücke, die darauf warten, von Passanten entdeckt oder im Webshop von PLUP bestellt zu werden. Ist es nicht schön, die aus Afrika stammenden Taschen und Accessoires zu sehen, die aus Aludosen-Verschlüssen gefertigt wurden? »Aber die Dosen, die dafür produziert werden mussten«, flüstert mir ein kleines Männlein gehässig ins Ohr flüstert. Schweig! Und da: Ein findiger Designer hat sich der sonst nach ihrem Gebrauch nutzlos gewordenen Drucktücher von Druckmaschinen angenommen und daraus moderne Taschen gefertigt. Gleich daneben wird ausgedienten Fußbällen ein zweites Leben als Deckenlampen geschenkt. Es gibt offenkundig keine Überbleibsel aus der Industrie oder dem privaten Gebrauchaus denen sich nicht reizvolle Gebrauchsgegenstände anfertigen ließen. Was heißt hier schon »Reste«?

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Planet Upcycling: Annekathrin und Frank Metzler

Im Gespräch
Viel Zeit habe ich nicht, um mich diesen Gedanken zu widmen. Schon hat sich eine angeregte Unterhaltung zwischen Annekathrin und Frank entfacht, die schnell den Weg in ihren Laden gefunden haben. »Es ging mir und meiner Frau darum, aus dem Konsum- und Kommerzhamsterrad zu steigen und etwas zu tun, mit dem wir Nachhaltigkeit in unsere Leben bringen konnten«, fasst Frank die Beweggründe des ehemaligen Grafikdesigners und der Designerin zusammen. Was lag also näher, als sich vor knapp vier Jahren zu überlegen, wie man den aufkommenden Upcycling-Trend auch unternehmerisch nutzen könne. Annekathrin ergänzt: »Wir möchten außerdem zeigen, dass ja schon gutes Design per se nachhaltig ist. Sind Produkte gut gestaltet, nutzt man sie ja entsprechend lange. Das Ganze haben wir nur noch mit Materialien auf die „Spitze“ getrieben, die eigentlich weggeworfen worden wären und als unbrauchbar gelten!« Nun mag das Wort Nachhaltigkeit ein paar Mal zu oft durch die medialen Gassen gejagt worden sein – den beiden nimmt man ab, dass es ihnen ein Lebensanliegen ist. Da spielt es weniger eine Rolle, ob Upcycling nun als Trend oder nicht angesehen wird, wie sie bekräftigen.

Mit Workshops zum Umdenken bewegen
Doch nur Produkte verkaufen ist den beiden zu wenig. Workshops nehmen, neben der eigentlichen Arbeit im Ladengeschäft, einen immer größeren Raum ein. »Wir bieten schon länger Workshops an, in denen die Teilnehmer lernen, eigene Teile umzuarbeiten«, beschreibt Frank die Grundidee. Hier stellten zunehmend mehr Menschen fest, dass man ›Müll‹ in nützliche und schöne Gebrauchsgegenstände verwandeln könne. Wie das rein praktisch aussehen kann, beschreibt Annekathrin: »Beim letzten Workshop wurden beispielsweise aus ausrangierten Hemden oder Jeans Tragetaschen gefertigt, die dann eine ideale Alternative zu Plastiktüten sind.« Sie ergänzt: »Wir wollen ja etwas in den Köpfen bewegen, weshalb wir auch immer wieder Vorträge bei Veranstaltungen anbieten und auch als Dozenten an Modeschulen oder anderen Institutionen auftreten.« Mittlerweile sind die Veranstaltungen so beliebt, dass Awista, Caritas oder die Diakonie regelmäßig bei PLUP anfragen.

Früher Arbeiterviertel, heute zunehmen In-Viertel: Flingern und die Ackerstraße
Früher Arbeiterviertel, heute zunehmend »in«: Flingern und die Ackerstraße

Das Interesse ist groß
Eine Kurzreportage in einem belgischen Fernsehsender, so lässt mich das Paar zum Ende unseres Gespräches wissen, habe zu einem unverhofften Ergebnis geführt: In regelmäßigen Abständen würden sich ganze Reisegruppen von insbesondere asiatischen Touristen bei PLUP einfinden. Nachdem der Film wohl auch in Fernost ausgestrahlt wurde, zählt das Düsseldorfer Upcycling-Geschäft offenkundig zu den besonderen Reisezielen im Ruhrgebiet. Das allerdings spiegele sich nur bedingt in den Umsätzen wider. Das Interesse für die aus allerlei gebrauchten Materialien wie Feuerwehrschläuchen, Fassdeckeln oder alten Plattenspielern gestalteten Produkte ist hier wie da groß. Nicht immer wolle man aber das Geld für die zum großen Teil in Handarbeit gefertigten Unikate ausgeben.

Als ich schließlich nach einer anregenden Unterhaltung wieder von PLUP abhebe, weiß ich noch nicht, dass knapp ein Jahr vergehen wird, bis ein Beitrag über meinen Besuch veröffentlicht wird. Doch diesen wollten wir weder Annekathrin noch Frank schuldig bleiben, die sich nicht nur viel Zeit für meinen Besuch genommen haben. Schade wäre es ja außerdem gewesen, nicht auf den besonderen Planeten in Düsseldorf aufmerksam gemacht zu haben, auf dem es sich mit Sicherheit zu landen lohnt.

PLUP, Düsseldorf
Ackerstraße 168b, 40233 Düsseldorf, www.planet-upcycling.de

©Fotos: mgzn rstkltr

ME für magazin-restkultur.de | © Magazin für Restkultur 2016

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