Daily Rewind:
365 Tage rückwärts

Eine Kritik

Beitrag Nr. 71 von Dailyrewind

»Soweit uns bekannt, muss ja nach wie vor der Motor des 1. Marktes am Laufen gehalten werden, um auch genug für den Second-Hand-Markt abzuwerfen.«

Nun ist die Frankfurter Bloggerin und Radioredakteurin Hindi Kiflai ja nicht die Erste, die den Versuch unternimmt, den eigenen Konsum zu hinterfragen und zu reduzieren. Nunu KallerTessa Amandine-Elpel oder Judith Levine sind nur einige der Namen, die bei der Eingabe der online Suchanfrage 1 jahr lang nichts kaufen ausgegeben werden. Allen ist in jedem Fall der mitunter selbstherapeutische Duktus sowie die überschwängliche mediale Präsenz gemein, die ihren Konsumkritik-Aktionen anhaftet. Als irgendwie heroisch wird der Ausstieg aus dem Konsum-Hamsterrad dann zelebriert, weshalb nach Ablauf der entsprechenden Aktion nicht selten auch Verlage vorstellig werden, die diese modernen Heldenepen in Buchform herausbringen.

Kiflai reiht sich daher nicht mehr und nicht weniger in die Liste all jener ein, die nach langer, aber wohl nicht unbedingt qualvoller Zeit als Shopaholic („Wenn ich nicht arbeite, shoppe ich wahnsinnig gern“, schreibt sie in ihrem Blog), für den „Kaltentzug“ optieren. Irgendwann scheint die Erkenntnis zu kommen – der Kleiderschrank ist zum Bersten voll mit über in Jahren angehäuften Kleidungsstücken –, dass „man sich von Newslettern und Plakaten nicht mehr diktieren lasse, dass es wieder Zeit für die neue Hose, den neuen Look sei“*.

Besser eine späte Erkenntnis als gar keine, mag man sich da denken. Wären da nicht nur der mediale Hype, den die Ex-Modejunks auslösen und die seltsamen Blüten, die das Ganze treibt. Beschlossen hat die Modeliebhaberin übrigens ja nicht, auf Kleidung oder Konsum schlechthin zu verzichten, sondern lediglich den „Dealer“ zu wechseln. So bezieht sie ihren „Stoff“ nicht mehr aus Boutiquen, doch stillt sie ihren offenkundig unverminderten Heißhunger auf Mode nun über Second Hand-Läden. Beim Erscheinen dieser Meldung wird nicht nur Tag 72 des selbstauferlegten Verzichts, sondern damit auch Hindi Kiflai im dann 72sten neuen used Look zu sehen sein.

Nein, wir wollen hier nicht auf die zum Teil gewöhnungsbedürftige Optik eingehen – in Modedingen ist der Verfasser dieses Textes (männlich) ohnehin nicht sonderlich gut bewandert. Über Geschmack lässt sich bekanntlich ja nicht streiten. Nicht entgangen ist uns außerdem, dass die Radiojournalistin (YOU FM) auf ihrer Seite erklärt, dass sie aus dem „Wahnsinn aussteigen will, den die weltweit rund 80 Milliarden Kleidungsstücke“ für sie darstellen. Kleidungsstücke übrigens, die nicht zuletzt auch für die an der „Mode-Nadel“ hängende Kiflai produziert wurden und werden.

Doch kann die Konsequenz daraus sein, jeden Tag eine neue Kombination zur Schau zu stellen, anstatt doch eher darauf hinzuweisen, dass es sich durchaus gut mit viel weniger Kleidungsstücken leben lässt? Woher meint Kiflai denn, dass die jetzt mit dem Postulat „nachhaltig“ versehene Gebrauchtkleidung stammt? Soweit uns bekannt, muss der Produktionsmotor des 1. Kleidungsmarktes ja noch immer am Laufen gehalten werden, um auch genug Bekleidung für den Second-Hand-Markt abzuwerfen. Ein Markt übrigens, der von eben solchen konsumwilligen Modefans angetrieben wird – und der eben nicht unbedingt nachhaltig ist.

Zugute halten ließe sich zwar, dass sie mit dieser Aktion den bisweilen verpönten Ruf von Second Hand-Ware verbessert und zum Bekanntwerden des Gebrauchtwaren-Angebots der Hilfsorganisation OXFAM beiträgt, die sie dabei unterstützt. Und auch die damit angestoßene Debatte rund um Fastfashion und ihren Folgen verdient lobende Erwähnung. Ein schaler Beigeschmack bleibt jedoch womöglich für Menschen, die sich nicht aus reinem Überdruss, sondern aus purer Notwendigkeit in Second Hand-Läden einkleiden müssen. Hoffen dürfen diese jetzt nur, dass es nicht allzu viele Gebrauchtmode-Shopperinnen gibt, die ihnen die besten Stücke vor der Nase wegschnappen – und darauf, dass die Aktion in 293 Tagen dann auch ihr Ende findet. 

Beitrag Nr. 71 von Dailyrewind

Vom 01.01 bis zum 31.12.2015 stellt die Frankfurter Journalistin und Bloggerin Hindi Kiflai täglich Kleidungskollektionen auf dailyrewind.de vor, für die überwiegend Second Hand-Ware zum Einsatz kommt. „Cool aussehen geht auf jeden Fall auch in alten Klamotten“, schreibt die begeisterte Modeliebhaberin dort. Für Bio und total fair fehle ihr jedoch das Budget, weshalb sie auf das in ihren Augen nachhaltige Einkleiden mit Gebrauchtware setzt. Ihre Aktion hat eine außerordentlich große Beachtung in zahlreichen Medien gefunden und ihr einen enormen Zulauf auch in den sozialen Medien beschert.

Hinter den Kulissen
Es schien uns geboten, Hindi Kiflai im Vorfeld über den anstehenden kritischen Beitrag zu informieren. Nachdenklich hat uns ihre Kritik gestimmt, dass sie sich im Vorfeld einen Austausch und eine in ihren Augen gründlichere Recherche gewünscht habe, mit der der eine oder andere Kritikpunkt möglicherweise abgeschwächt worden wäre. Wir veröffentlich daher zwar den Artikel in unveränderter Form, hoffen aber mit der Bloggerin in einem späteren Artikel ins Gespräch zu kommen, um sie im Rahmen eines Interviews zu diesen und anderen Aspekten ihrer Initiative zu Wort kommen zu lassen.

©Foto: Mit freundlicher Genehmigung Hindi Kiflai
*Alle in diesem Beitrag aufgeführten Zitate stammen von der Website dailyrewind.de

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Möglicherweise aufgrund eines technischen Defekts ist ein Müllwagen umgekippt und hat ein Auto mit fünf Insassen unter sich begraben.

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Der SWR über eine neue Sportart aus Stockholm: Plogging. Jogger laufen nicht nur, sondern bücken sich gelegentlich und sammeln dabei Müll auf.

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3 Kommentare

  1. Dieser Artikel spricht mir aus der Seele, ich war von Anfang an bezüglich dieses Projektes sehr skeptisch. Ich frage mich auch nach der Vorbildwirkung 365 neue „alte“ Outfits auf einem Blog zu zeigen. Ist das nicht nur ein Verschieben?

    Ich kaufe seit 1 1/2 Jahren keine neue Kleidung und es fällt mir echt nicht schwer. Nein, es gibt kein Buch darüber, auch kein Interview in der Zeitung und noch nicht einmal einen eigenen Blog wo ich nur darüber schreibe. Es ist nämlich gar keine Kunst in Wahrheit – Kleidung hält viel länger als 1 Jahr, eigentlich sollte das alles Normalität sein und ist es bei mir auch.

    Viele liebe Grüße
    Maria

  2. Also auch als Frau kann ich nicht unbedingt mit der Aktion etwas anfangen. 1. fehlt mir das Mode-Gen – es interessiert mich schlichtweg nicht. 2. Nachhaltigkeit ist definitiv etwas völlig anderes für mich. Die ständigen neuen Dinge gegen neue gebrauchte Dinge einzutauschen ist ja schon mal ein Schritt, erzeugt offensichtlich viel mediale Aufmerksamkeit, hat aber mit Nachhaltigkeit und Resteverwerten nicht so viel zutun. Die Dinge wirklich benutzen, wertschätzen heißt für mich: Mir liegt so viel an meinem Kleidungsstück, dass ich es pflege und immer wieder trage. Auch lässt es sich bei Bedarf mal reparieren – Nähmaschinen funktionieren auch in Privathaushalten 😉 Und dan nutzen, so lange, bis es dann halt nicht mehr geht. Wobei das natürlich für unsere Medienwelt sehr viel langweiliger ist.

  3. also ich muss sagen, ich finde das Projekt toll!
    Es ist ganz klar stark zielgruppenorientiert. Ich selbst habe mir vorgenommen, 2015 überhaupt gar keine Kleidung zu kaufen (und bin glücklich damit), von daher bin ich, als auch Maria & Gabi (die vor mir gepostet haben) nicht der Zielgruppe dieses Projektes zugehörig. Aber meiner Meinung nach geht es darum auch nicht….

    Ich liebe Mode, und ich liebe es, mich „auf dem neuesten Stand“ zu kleiden, ich will wissen, was angesagt ist (Das heißt übrigens nicht, dass ich Sachen dazu kaufe, sondern ich kombiniere die Kleidung, die ich bereits besitze, einfach neu). Bislang gab es als Inspirationsquellen nur die unzähligen Modeblogs, wo junge Frauen und Männer ihr monatliches Budget für neue Klamotten verprassen, „hauptsache angesagt“, egal „woher“ oder „wie produziert“. Solche Themen wie Nachhaltigkeit oder Produktionsbedingungen spielen bei solchen konventionellen Modeblogs (z.B. im Lookbook) leider überhaupt keine Rolle.

    Und genau hier setzt Hindi an, sie kreiert ein klassisches Modeblog (pro Tag ein Outfit, Fotos vom Outfit, an aktuellen Trends orientiert), ABER die dicke Überraschung kommt doch dann erst, wenn man erfährt, „Moment, die Klamotten sind nicht neu gekauft?“ Ich glaube, dass aus diesem Grund das Projekt durchaus bei der Zielgruppe (junge Mädchen & Jungen, die Modeblogs „followen“) ankommt!

    Von daher finde ich Kritik à la „ich kaufe überhaupt keine Kleidung und deshalb ist das Projekt überaus fragwürdig“ vollkommen unangebracht. Wäre genauso, als würde jemand einen Foodblog über Grillgerichte aus biologisch hergestelltem Fleisch machen und dann Vegetarier sich darüber beschweren, dass Leute, die Fleisch essen, zu kritisieren wären.

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